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Zeiten der Ruhe

Rest and Recover

Ich war immer ein Herbstmensch.
Darum macht es mir üblicherweise nichts aus, bei Temperaturen von über 30 Grad im Haus zu bleiben. Natürlich spüre ich trotzdem das Bedürfnis nach frischer Luft und wärmenden Sonnenstrahlen auf meiner Haut. Und selbstverständlich sage ich nicht nein zu einem Urlaub am Meer, in den Bergen oder einem Spaziergang durch pulsierende Städte an warmen Sommerabenden. Doch insgesamt laden mich die heißen Tage einfach weniger ein, das Haus zu verlassen als ein goldener Herbst.

Frischer Wind und Dürresommer

In den frühen Stunden eines Spätsommermorgens zieht eine frisch-kalte Brise durch meine Wohnung und trägt die Vorboten der anbrechenden Jahreszeit zu mir herein. Erstmals seit Monaten wird wieder heißer Wasserdampf über meiner Kaffeetasse sichtbar und ich spüre die Vorfreude auf den Herbst langsam in mir aufsteigen. Gleichzeitig frage ich mich, wie schön er nach diesem Sommer wohl werden kann. So viel Trockenheit, so viele bereits braun auf den Böden liegende Blätter und so wenig sommerliche Leichtigkeit, die von der einen zur anderen Jahreszeit getragen werden könnte.

Wenn ich meinem Kind eines Tages von dem Sommer seiner Geburt erzähle, werde ich ihm eine Zeit schildern, die ich hauptsächlich in unserer Wohnung verbracht habe. Glücklicherweise früh genug durch den Kauf einer Klimaanlage gerettet, war es irgendwie auszuhalten im warmen Dachgeschoss. Doch zwei Hitzewellen mit Tageshöchstwerten von über 40 Grad machten die Vorfreude auf das Kennenlernen mit dem Kleinen zu einem Hoffen, dass es sich noch gerade so lange Zeit lassen wird, bis die Thermometer wieder unter die 30 Grad Marke fallen.

In meiner unfreiwilligen Isolation verharrend verfolgte ich das Geschehen im außen über Nachrichten, Social Media und Gespräche mit Freunden. Und so erreichten mich fast täglich neue Meldungen über aufflammende Waldbrände, Dürren in vielen Teilen Europas und den konstant fallenden Pegelstand des Rheins. Ich sprach mit Bekannten, die ihre Urlaube absagen oder in andere Regionen verlegen mussten, weil ihre Reiseziele als Risikogebiete eingestuft wurden. Und ich spürte die Last der Hitze auf meinem eigenen, durch die Schwangerschaft strapazierten Körper, während durch die Fenster immer häufiger die Sirenen der Krankentransporte zu mir durchdrangen.

Ein neues Leben

Auch jetzt, wo das Kleine geboren und der Herbst endlich eingetroffen ist, verbringe ich noch viel Zeit zu hause. Doch wo es im Spätsommer Hitze und UV-Strahlung waren, die mir die ersten Spaziergänge mit Baby und Kinderwagen verwehrten, sind es nun die Launen und Bedürfnisse eines Neugeborenen. Vorbereitet und eingestellt sowohl auf die hohen Temperaturen, als auch auf die neue Häuslichkeit, weckte dieser Sommer bei mir eine tief vergrabene Erinnerung: unerwartet erlebte ich Momente von Langsamkeit und Ruhe, die ich zuletzt während der Pandemie so intensiv empfunden hatte. Selbst das laute und manchmal chaotische Stadtleben, das mir als Bewohnerin der Innenstadt allzu gut bekannt ist, schien heruntergefahren.

Wochen nach der Geburt und angetrieben durch einen anstehenden Umzug merke ich heute, wie meine innere Ruhe wieder verschwindet, die Langsamkeit nicht mehr natürlich zu mir kommt. Gleichwohl fordert mein Körper sie regelrecht ein. Braucht Zeit, um sich zu regenerieren. Erinnert mich immer wieder daran, dass der Prozess der Veränderung noch nicht abgeschlossen ist, körperlich fordernde Aktivität erst wieder langsam Teil des Lebens werden kann.

Evolve and Adapt

Sowohl meine neue Rolle als Mutter als auch die ungewöhnlichen Wetterverhältnisse in diesem Jahr haben mir erneut bewiesen, wie ausgeprägt die körperliche und geistige Fähigkeit zur Anpassung bei uns Menschen ist. Denn obwohl die meisten von uns sich eher schwer damit tun, Veränderung zuzulassen oder gar zu begrüßen, scheinen wir umso schneller darin, sie anzunehmen, sobald es notwendig ist.

Working Mum

Beim Blick auf die Umstellung meines Alltags und Körpers durch den Einzug eines Säuglings, scheint diese Gleichung plausibel, fast selbstverständlich. Beim Blick auf unsere lebendige Umwelt und den von uns Menschen verursachten Wandel, den sie gerade durchschreitet, scheint mir unsere Reaktions- und Anpassungsfähigkeit Lösung und Problem zugleich. Denn Reisen zu verschieben, Brände zu löschen und schlimmstenfalls in andere Regionen zu ziehen, wenn die heimischen Wetterverhältnisse es notwendig werden lassen, zahlen als Reaktionen nicht darauf ein, ein Fortschreiten und Intensivieren der Klimakrise zu verhindern. Sie kennzeichnen lediglich unseren (flexiblen) Umgang mit ihren Folgen.

Das Stichwort scheint mir auch an dieser Stelle Regeneration. Denn genau das ist es, was wir unseren Ökosystemen nicht mehr erlauben. Was bei all unserem Konsum und dem Aufrechterhalten und Steigern unserer Lebensstandards auf der Strecke bleibt.

Travel is broken

Auch Philipp Laage spricht in seinem Buch „Travel is broken“ über das menschliche Bedürfnis der Regeneration. Der Autor und Journalist schreibt seit Jahrzehnten über das Reisen und widmet sich in seinem neuen Buch auf intelligente Weise einem Wandel im menschlichen „Unterwegssein“, den er seit einiger Zeit beobachtet. Im Vordergrund steht dabei der Druck, immer mehr und intensiver zu erleben – ein unverkennbares Zeichen der sich weiterentwickelnden Beschleunigungsgesellschaft, wie sie Hartmut Rosa betitelte. (1) Eine These des bekannten Soziologen lautet dabei: „Was wir glauben über die Welt zu wissen, hat ein rasantes Verfallsdatum. Das ist anstrengend und beängstigend. Wir reagieren darauf mit einer Beschleunigung des Lebenstempos. Nicht weil […], sondern obwohl wir durch die technische Beschleunigung ständig Zeit gewinnen.“ (2)

Neben der Beschleunigung des Lebenstempos sehen wir uns laut Rosa durch den technischen Fortschritt immer mehr Optionen gegenüber, die wir weder auskosten, noch uns dem sozialen Druck widersetzen können, der durch die gleichsam beschleunigte Lebensweise der anderen entsteht. Diese Gegebenheit begünstigt ein Gefühl, das heute als FOMO bekannt ist und das das Reiseverhalten vieler Menschen prägt. Eine der zentralen Thesen in „Travel has broken“ lautet daher, dass die Verbindung von Reisen und Erholung immer mehr in den Hintergrund rückt und das Aufbrechen nicht selten selbst zu Stress verkommt.

„Auf die Bremse treten, das funktioniert nicht, wenn alle anderen Gas geben.“

Philipp Laage – Travel is broken
Philipp Laage Travel is broken

Hoffnungslos optimistisch

Erholung tritt ein, wenn wir in der Gegenwart präsent sind, verortet in der Welt, die uns umgibt. (3) Die damit einhergehende Muße gewährt uns Einsicht in unsere Gefühle und Bedürfnisse. Laage zufolge ist dieses Zusammenspiel zentrale Voraussetzung für das Entstehen von Erkenntnis. In diesem Punkt bezieht sich der Autor sowohl auf die griechische Antike als auch auf aktuelle Forschungsprojekte. Beide Quellen nehmen an, dass uns das Fehlen von Aufgaben und Projekten – was eigentlich eng mit der Idee von Urlaub verbunden ist – dazu bringt, über uns selbst und über andere nachzudenken. Erholung im Sinne von Regeneration ist damit nicht nur Grundlage unseres körperlichen Wohlbefindens, sondern Quelle und Voraussetzung unseres sozialen Bewusstseins, unseres Erlebens und unseres Selbstverständnisses.

Da Erholung oft mit Rückzug und einem Aufenthalt in der Natur einhergeht, scheint der Gedanke an die Klimakrise und unsere ganz persönliche Rolle darin nicht weit. Und sowohl Erzählungen von Freunden als auch mein eigenes Erleben haben mir mehr als einmal gezeigt, wie Aufenthalte in naturbelassenen Regionen unser Verhältnis zur lebendigen Umwelt verändern können. Für Terra X jahrelang in den entlegendsten Winkeln der Welt unterwegs, kennt auch Dirk Steffens dieses Gefühl. Als unfreiwilliger Beobachter der Auswirkungen der fortschreitenden Krise teilt er die Erkenntnisse seiner vielen Reisen seit einigen Jahren in unterschiedlichen Sachbüchern.

In seinem aktuellen Werk „Hoffnungslos optimistisch“ widmet er sich der krisengestimmten Gegenwart und plädiert für optimistische Narrative, um kollektive Dynamiken anzutreiben. Da wir als Menschen Teil der Ökosysteme dieses Planeten und durch die Dimension unseres Wirkens mittlerweile das Zentrum seines stetigen Wandels sind, tragen wir eine große Verantwortung. Entsprechend sollten wir uns überlegen, wie wir von passiven zu aktiven Gestalter:innen dieser Veränderung werden können. Denn anstatt uns lediglich reaktiv an den (meist unschönen) Wandel unserer Lebenswirklichkeit anzupassen, könnten ihn aktiv lenken. Anstatt also den Kopf in den Sand zu stecken, weil wir als Einzelne ja „sowieso nichts ändern können“ und selbst in reaktives Handeln zu verfallen, gilt es Steffens zu Folge, jetzt erst recht offen, inspirierend und visionär in die Welt herauszutreten. Seine Empfehlung angesichts der anhaltenden Krisenstimmung lautet daher: Besonnenheit und entspanntes Nachdenken.

Keep Exploring

Es scheint mir an dieser Stelle wichtig noch einmal zu betonen, dass Erkenntnis bezogen auf den Klimawandel – vor allem im Kontext des Reisens – niemals in Schuldzuweisungen, Resignation oder totalem Konsumverzicht enden sollte. Was bringt es uns schließlich, wenn wir mit schlechtem Gewissen zu Hause hocken, uns gegenseitig unsere Fehler ankreiden und am Ende auch noch aufhören unsere wunderschöne Welt zu erkunden. Einkehr sollte vielmehr unseren Möglichkeitssinn (Link Text) inspirieren, uns für ein verändertes Erleben und Wahrnehmen öffnen und zum Handeln motivieren. Ein gelegentlicher „Tapetenwechsel“ scheint damit nicht nur nice to have, sondern eigentlich ein Muss, um nicht metaphorisch und buchstäblich auf der Stelle zu treten.

Neben der Inspiration zu Einkehr und Reflexion ist Reisen immer auch Kennenlernen neuer Kultur- und Naturräume. Ein In-Kontakt-treten mit unbekannten Lebewesen und Lebensweisen. Genau mit diesem Erlebnis- und Erfahrungsinteresse, das wir an fremden Orten oft ganz natürlich etablieren, sollten wir auch die uns bekannte Umgebung erkunden. Ein wunderbares Beispiel bietet hierfür das Instagram-Profil von Oladimeji Ajegbile (@hellodimeji). Der junge Vater zeigt hier regelmäßig, wie er mit seinem kleinen Sohn – meist auf dem Fahrrad – die Welt entdeckt. Eine Übung nicht nur in Beobachtungs- und Auffassungsgabe, sondern auch in Wertschätzung, denn bei ihren Touren bestimmen die beiden Tier- und Pflanzenarten, benennen Orte und architektonische Gegebenheiten und schaffen damit eine unbezahlbare Grundlage zur Beziehungsbildung mit der sie umgebenden Welt.

Slow Food

Auch kulinarisches Erleben ist üblicherweise Teil des Vereisens. Für mich ist es kürzlich sogar sein Ursprung geworden. Mit dem Ziel gestartet, spannende Orte in Deutschland zu entdecken, fiel mir vor einigen Wochen der Slow Food Genussführer 2027/28 in die Hände. Ausgewählt von einem ehrenamtlich agierenden Verein werden die enthaltenen Restaurants und Gasthäuser nach dem Leitsatz ausgewählt „gutes, sauberes und faires Essen für alle“ zu servieren. Ein Gedanke, dem sich die Slow Food Bewegung seit ihrem Entstehen im Jahr 1986 durch den Italiener Carlo Petrini verschrieben hat. Angefangen als Protest gegen die Eröffnung eines Fast Food Restaurants in Rom ist Petrinis Idee seitdem zu einer globalen Bewegung herangewachsen, die sich zum Ziel gesetzt hat allen Menschen qualitativ gute, nahrhafte Lebensmittel zugänglich zu machen deren Anbau dem Planeten nicht schadet.

Slow Food Genussführer

Zu meiner Überraschung fand ich in diesem besonderen Genussführer auch ein Restaurant, das ich selbst häufig besuche: La petite Galerie in Paderborn. Gelegen im heimischen Quellgebiet zeichnet sich das Lokal mit angeschlossenem Hotel durch sein hervorragendes – oft saisonales – Essen in Bio-Qualität aus. Tatsächlich ist es durch seine idyllische Lage ein Ort, an dem Genuss, Natur und Langsamkeit zusammen finden. Leider hat gerade hier die Klimakrise in den vergangenen Jahren ihre Spuren hinterlassen. Als 2022 ein Tornado die Paderborner Innenstadt durchzog, wurde das Gebiet rund um die Quellen besonders stark getroffen. Die Entwurzelung zahlreicher Bäume an diesem urbanen Erholungsort wurden zum Ausgangspunkt eines Jahrzehnte andauernden Regenerationsprozesses.

Winterschlaf und Visionen

Wie Regeneration vom natürlichen Zyklus der Jahreszeiten inspiriert werden kann, lernte ich kürzlich durch eine Freundin. Als sie mir vor wenigen Wochen erzählte, dass sie bald in den Winterschlaf gehen würde, war ich kurz irritiert. Da sie nicht in Deutschland lebt, halten wir uns regelmäßig telefonisch auf dem Laufenden, doch in den anbrechenden Herbst- und Wintermonaten würde unser Austausch anders laufen als üblich. Statt sich den Kalender wie üblich mit privaten und beruflichen Terminen vollzuladen, plante sie, ihre Kontakte zur Außenwelt über die kalte Jahreszeit auf die nötigsten zu beschränken und die freiwerdende Zeit dafür zu nutzen, mental und körperlich zu regenerieren und sich für das anstehende Jahr neu auszurichten.

Als sie mir ihr Vorhaben näher schilderte, war ich begeistert. Denn wenngleich sicherlich nicht jede:r die Möglichkeit hat, gleich in den „Winterschlaf“ abzutauchen, schien es mir dennoch eine hervorragende Idee, nicht erst zwischen Weihnachten und Silvester „kurz mal herunterzukommen“ und darüber nachzudenken, was im ausklingenden Jahr gut lief und was das Neue bringen darf.

Inspired by Nature

Ob inspiriert durch Reisen, gutes Essen, die nähere Auseinandersetzung mit der eigenen Umgebung oder eine bewusste Zeit der Einkehr: wie die betrachteten Beispiele zeigen, scheint Erholung nicht nur für mich eine zentrale Voraussetzung für Erkenntnis und Handlungsbereitsschaft zu sein. Interessanterweise ist die Natur an dieser Stelle Inspiration und Erkenntnisgegenstand in einem. Denn ebenso wie unsere belebte Umwelt brauchen auch wir Zeit für Ruhe und Regeneration, um sowohl körperlich als auch mental wieder aufblühen und unsere volle Kraft entfalten zu können. Und so gebe auch ich mir Mühe, die fallenden Blätter des Herbstes nicht nur mit dem üblichen Wohlgefühl zu beobachten, sondern als Inspiration zu nehmen und die Ruhe zu genießen, nach der mein Körper gerade verlangt.

(1) Hartmut Rosa – Beschleunigung (2005).
(2) Philipp Laage – Travel is broken (2026, S.65).
(3) Philipp Laage – Travel is broken (2026, S. 69).

Larissa Lenze

Larissa bewegt sich zwischen Menschen, Marken und Medien. Als Kulturwissenschaftlerin und Marketingstrategin beobachtet sie Medien- und Zeitgeschehen und spricht mit Menschen, die es mit besonderen Impulsen bereichern.

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