Es ist ein regnerischer Morgen im Spätsommer, als wir aus dem österreichischen Traunkirchen nach Bad Ischl aufbrechen. Ursprünglich hatten wir gar nicht vor, das beschauliche Örtchen am See zu verlassen. Der Aufenthalt sollte vielmehr eine Erholungsphase während unserer Reise zu einer STS-Konferenz nach Zürich sein, die uns über Passau, Wien, die Ars Electronica in Linz sowie Traunkirchen, Lindau und Weggis führen würde. Doch vom Entdeckergeist gepackt und vom morgendlichen Kaffee motiviert beschlossen wir kurzfristig eine Ausstellung von Erwin Wurm zu besuchen.
Im Anschluss an ein fabelhaftes Frühstück im Post am See, dem traumhaften Hotel, in dem wir für ein paar Tage residierten, führte unser Weg durch die nebelverhangenen Schluchten und Wälder des Salzkammerguts. Die düster-romantische Kulisse erinnerte mich an die Wälder aus Grimms Märchen – an Frauenfiguren wie Schneewittchen und Rotkäppchen, die sich in den Tiefen des Waldes verlieren. Versunken in Gedanken landete ich schließlich bei den slawischen Wila (auch Wilis) die mich knapp ein Jahr zuvor im Ballett Giselle in der Deutschen Oper am Rhein in Düsseldorf erstmals verzaubert hatten. Vielleicht durchstreiften die schönen mythischen Wesen gerade diese Wälder und suchten ihre Tanzplätze auf.

Wie Natur und Kultur zusammenhängen
In Bad Ischl angekommen war unser Ziel der Kaiserpark. Als klassisch englischer Landschaftsgarten wurde er in der Mitte des 19. Jahrhunderts rund um die Kaiserliche Villa vom damaligen Hofgärtner Franz Rauch gestaltet. Mit den Gedanken noch immer in der mystischen Waldkulisse, erschien mir der Kontrast zwischen den Landschaftsformen besonders deutlich. Im Gegensatz zum undurchdringlichen Wald wirkte der Landschaftsgarten wie ein romantisches Gemälde. Offensichtlich durch den Menschen angeordnet traf ich hier auf weite Sichtachsen, geschwungene Wege und freiwachsende Pflanzen – eine idealisierte, aufgeräumte Version einer natürlichen Szenerie, die bei mir im Gegensatz zum manchmal bedrückenden Gefühl eines Waldspaziergangs eine angenehme Harmonie erzeugte.
„Nur die Natur, oder vielmehr die Kulturlandschaft, die wir oft für die Natur halten, kann von sich aus »schön« sein. Meist allerdings ist die Natur vor allem bedrohlich und erhaben. Natur ist nur dann schön, wenn sie zugänglich wird, wie es die Geschichte der Gärten, die Gartenkunst erzählt. Im Garten begegnen wir der Natur auf eine aushaltbare Weise wieder. Die ungefilterte Begegnung mit ihr – auf den Weltmeeren, in der Wüste oder im Hochgebirge – hat oft wenig mit Schönheit zu tun, sonder ist eher eine Erfahrung überwältigender Demut.“
Frank Berzbach, Die Form der Schönheit
Ich merkte, wie sich meine Augen entspannten und mein Geist weit wurde. Anders als der geordnete Landschaftsgarten ist der Wald ein Ort, der unsere Aufmerksamkeit bindet. Ein Ort voller Geräusche und Begegnungen. Ein Lebens- und Wirkungsraum anderer Arten, die uns durch undurchdringliches Geäst überraschen, gar auf uns lauern könnten. Ein Ort, an dem wir auf unsere Schritte achten und je nach Untergrund angestrengt die Balance halten müssen. Ein Ort des Versteckspiels, anstatt des Sehens und gesehen Werdens, in dem Vertrauen und Sicherheit Gewahrsam weichen.
Was Sisi über Schönheit dachte
Wir begannen unsere Tour durch die Ausstellung im prachtvollen Marmorschlössl, das Kaiser Franz Joseph als Rückzugsort für seine Frau Elisabeth (Sisi) hat bauen lassen. Ein Schild vor dem eindrucksvollen Gebäude im Cottagestil verrät mir, dass es der Kaiserin als Rückzugsort dienen sollte, während der Kaiser in den umliegenden Wäldern der Jagt nachging. Eine für die damalige Zeit sehr bezeichnende Aufteilung der Freizeitgestaltung, denkt man an die Liebe zu Wald und Bergen, die der Tochter von Herzog Max in Bayern nicht nur in den kitschigen Verfilmungen der 1950er Jahren nachgesagt werden.
Wirft man einen genaueren Blick in die Biographie Elisabeths von Österreich, scheint es allem voran die Etikette und Manieriertheit am Wiener Hof, die ihr – insbesondere in jungen Jahren – missfiel und die sie zu einem regelrechten Kult um ihre eigene Schönheit verleitete. Ländlich-bodenständig aufgewachsen, galt es für die junge Kaiserin daher erst mit 16 Jahren, die Gepflogenheiten der europäischen Aristokratie und die Raffinessen der zeitgenössischen Mode zu lernen. Je älter und damit selbstbewusster sie wurde, desto weniger befolgte sie jedoch die ständig wechselnden Trends und konzentrierte sich auf die Schönheit und Gesundheit ihres Körpers, die sie in Anmut, Natürlichkeit und gewachsener Schönheit sah, statt in übermäßiger Dekoration durch Schminke und ausufernde Kleidermoden.
Dennoch war ihr öffentlicher Eindruck ihr sehr wichtig, vor allem ihre Haare und ihre schlanke Taille nahmen viel Arbeit in Anspruch (darunter tägliches Training, unterschiedliche Diäten sowie eine eigene Hofdienerin, die nur für ihre angeblich bis zu den Fersen reichenden Haare zuständig war). Eine besondere Leidenschaft der Kaiserin war das Sammeln von Photographien schöner Frauen aus den Hauptstädten Europas sowie aus der türkischen Haremswelt, die sie entweder selbst auf ihren Reisen erwarb oder von Freund:innen und Angestellten geschickt oder mitgebracht bekam.

Sisi wurde in ganz Europa für ihre Schönheit bewundert. Besonders bekannt ist bis heute das Porträt von Franz Xaver Winterhalter aus dem Jahr 1865, in dem sie mit einer Reihe von Diamantensternen im Haar dargestellt wird. Um ihr makellose Erscheinungsbild in der Öffentlichkeit zu bewahren, entschied sich die Kaiserin jedoch trotz oder gerade wegen ihrer Liebe zu Bildern, ab dem Alter von 32 Jahren keine Photographien oder Portäits mehr von sich anfertigen zu lassen.
Ihr fortwährender Wunsch nach einer Flucht aus der höfischen Welt äußerte sich besonders in ihrer ständiger Reisetätigkeit und ihrem allgemeinen Drang nach Bewegung in Form langer Spaziergänge. Angesichts ihrer Bekanntheit konnte sie diesen jedoch vorwiegend Nachts oder abseits der Massen folgen. Den Rückzug in Marmorschlössel und Kaiserpark nutzte sie u.a. zum Erlernen von Sprachen für ihre ausgiebigen Reisen, zur Lektüre sowie um ihren sportlichen Vorlieben wie Reiten und Turnen nachzugehen.
Was Erwin Wurm im Kaiserpark zu suchen hat
Der Kontrast zwischen den romantischen Gärten, der kaiserlichen Historie und den surrealistischen Werken von Erwin Wurm könnte auf den ersten Blick wohl kaum größer sein. Verteilt auf Kaiserpark, Marmorschlössl und die kaiserlichen Stallungen bildeten die vor allem skulpturalen Werke eine Route über das gesamte Gelände. Die gezeigten Arbeiten stammten aus den vergangenen 35 Schaffensjahren des österreichischen Gegenwartskünstlers und beschäftigen sich mit Themen rund um Philosophie, Architektur, Mode und Luxus. Besonders häufig begegneten uns Alltagsgegenstände wie Autos, Häuser, Kleidung, Luxustaschen und typisch österreichische Lebensmittel – oft ironisch dargestellt oder anthropomorph verformt.
Mal surreal, mal charmant und häufig irritierend hinterfragen die Arbeiten von Erwin Wurm gesellschaftliche Machtstrukturen ebenso wie kleinbürgerliche Statussymbole. Besonders Werke wie „the School“, die sich mit Enge, Erwartungen, Normierung und Formgebung durch gesellschaftliche Institutionen auseinandersetzen, erinnerten mich unweigerlich an die Geschichte der österreichischen Kaiserin und zeigten die unerwartete Passung zwischen Ausstellungsstandort und Werk.


Wie für Goethe Kreativität und Natur zusammenhingen
Auf dem Rückweg in Richtung Traunsee bewegten sich meine Gedanken noch immer zwischen Natur, Kunst und Gesellschaft. Das beengende Gefühl der Gefangenschaft, das in klarer Verbindung mit »dem Schönen«, u.a. in Form des Marmorschlössl, des Landschaftsparks oder auch des Körper von Elisabeth von Österreich steht, machte mir bewusst, dass bei aller Liebe zum Formschönen, am Ende auch das Wilde, das Unbändige, Entfaltungsraum braucht, damit wir als Menschen selbst gestaltend tätig werden können.
In »Der Atem der Welt. Johann Wolfgang Goethe und die Erfahrung der Natur« schreibt Stefan Bollmann der Mensch sei in Goethes Augen Teil der Natur und partizipiere an ihrer schaffenden Macht kraft seiner künstlerischen Kreativität. (S. 175) Um diese künstlerische Produktivität – und damit den Schöpfergeist des Menschen – zu erwecken, brauche es nach Goethe ein »Gefühl für die Natur«. (S. 176) Mit dieser Annahme baute er auf den Schriften von Baruch de Spinoza (24.11.1632 – 21.02.1677) auf, einem niederländischen Philosophen, der den Freiheitsgrad des Individuums mit seiner Beziehung zur Natur in Verbindung brachte. Als Teil der Natur ihren Gesetzen unterworfen, galt es ihm zufolge für vernunftbegabte Wesen, diese Gesetze zu erkennen und zu achten, um Freiheit zu erlangen. Handelt der Mensch auf dieser Einsicht basierend, statt getrieben von Affekt und unreflektierter Leidenschaft, sei er frei und könne schöpferisch gestaltend wirksam werden. (S. 163)
Um dieses Verständnis zu verinnerlichen und eine Naturbeziehung etablieren zu können, schlägt Kathrin Schlup in ihrem Buch »Weltverbunden. Impulse für das Zusammenleben von Mensch und Natur« eine Abkehr vom althergebrachten Dualismus zwischen »Natur« und »Kultur« vor. Anstatt in der Natur durch diese Bezeichnung weiterhin »das Andere« zu sehen, schlägt sie den Begriff des »Lebendigen« vor, welcher die Frage gar nicht erst aufkommen lasse, ob wir als Menschen dazugehören oder nicht. (S. 167) Auf diese Weise würde sich auch die Abgrenzung vom »Wilden« aufheben, das der Idee des ursprünglich Natürlichem gegenüber dem »Zivilisierten« weiterhin anhängt.
„Natur und Kultur sind gleichermassen menschliche Konzepte. Die Kultur gehört dabei zu uns, die Natur umfasst alles, was wir als »anders-als-menschlich« einordnen. Diese Trennung wird im Begriff des »Lebendigen« aufgehoben. Zum Lebendigen gehören die Lebewesen und Ökosysteme der Natur, aber auch wir Menschen gehören dazu […].“
Kathrin Schlup, Weltverbunden


Sobald Natur zum Lebendigen wird, nimmt es ihr darüber hinaus den Charakter des Konsumierbaren, da sie uns mit einbezieht und wir Menschen uns üblicherweise nicht gerne als Ware verstehen möchten. Unsere Umwelt wird auf diese Weise als Ganzes zum Seienden und wir stellen uns sprachlich mit ihr auf eine Ebene. Die vormalige Trennung hat uns die Möglichkeit eröffnet über »das Wilde« und »das Natürliche« zu verfügen, es – wie Schlup sagt – als Ressource zu betrachten, als Arbeitskraft oder -material.
Warum Christopher Ryan zurück zur »Natur« möchte
Der Park als Kulturlandschaft hebt sich durch die angesprochenen Merkmale deutlich von einer ursprünglichen Naturlandschaft ab. Doch als ich ihn durchquerte und mir bewusst wurde, wie wohl ich mich in dieser aufgeräumten Version von Natürlichkeit fühlte, merkte ich gleichsam, wie überholt die Dualismen von Natur und Kultur heutzutage erscheinen. Wie sehr es mir scheinbar aberzogen wurde, Chaos oder Unordnung auszuhalten. Und wie groß meine Unordnung in anderen Lebensbereichen sein musste, dass die Ruhe der Parklandschaft so sehr auf mich wirken konnte.
Das Entstehen von Landschaftsgärten gilt historisch als bewusste Reaktion auf die Industrialisierung und den sprunghaften Städtewuchs Mitte des 19. Jahrhunderts. Verstädterung, schlechte Luft und beengte Wohnverhältnisse machten neue Freiräume für die Erholung und die Gesundheit von Arbeiter- und Bürger:innen notwendig. Der Landschaftsgarten bot einen idyllischen Rückzugsort und ein Gegenstück zur technisierten und zunehmend lauten Arbeitswelt und kam der wachsenden Sehnsucht der Stadtbewohner:innen nach unberührter Natur nach.
Doch wie sieht Naturerleben bei den meisten von uns heute aus? Ich denke an Spaziergänge, Joggingrouten, sommerliche Ausflüge »ins Grüne« an den Wochenenden. Und komme doch zu dem Schluss, dass wir viele dieser Ereignisse nicht bewusst erleben, sondern mit Podcasts, Musik oder anderen Aktivitäten übertönen. Dem Lärm unserer analogen und digitalen Umgebungen noch mehr »Input« hinzufügen, der uns vom eigentlichen Geschehen und Wahrnehmen ablenkt.

In »Civilized to Death« blickt Christopher Ryan auf typische Zivilisationskrankheiten unserer Zeit, darunter Depression, Angststörungen, Einsamkeit, Sucht, chronischen Stress oder Übergewicht, und stellt sich die Frage, welche Entwicklungen menschlichen Lebens einen tatsächlichen Gewinn an Lebensqualität nach sich gezogen haben. Seine These lautet, diese Probleme seinen strukturelle Folgen moderner Gesellschaften und er plädiert dafür, den Blick auf Prinzipien aus Jäger-und-Sammler-Kulturen zu werfen. Was er vorschlägt sind die Stärkung von Gemeinschaften und Gleichheit, eine Abkehr von zunehmender Konsumorientierung, ein Fokus auf mehr Zeit statt mehr Besitz, eine stärkere Naturverbundenheit sowie eine dezentralere gesellschaftliche Organisation. Dabei geht es ihm nicht um eine romantische Verklärung der Vergangenheit, sondern um eine kulturelle Neuausrichtung zur Steigerung der Lebensqualität jedes und jeder Einzelnen.
In vielen Punkten würde ich Ryan – genauso wie Schlup – zustimmen. Anstatt das Naturerleben zu romantisieren und Wälder als Sehnsuchtsorten zu verklären, die wir in Tagträumen und über Medien aufsuchen, scheint es mir vielmehr an der Zeit, sie wieder selbst zu erfahren und damit unser eigenes Lebendigsein zu etablieren. Eine Beziehung zum Lebendigen aufzubauen hieße dabei, physisch »in Kontakt zu treten«, mit dem Körper auf die Welt zu treffen, Spuren zu hinterlassen und selbst Spuren aus der Begegnung zu tragen. Anstrengungen und Herausforderungen auszuhalten anstatt sie aus »sicherer Distanz« zu betrachten.
Kunst kann kann ein Werkzeug hierfür sein. Entweder indem sie uns als Rezipierende sowohl in Gedanken als auch physisch an ungewöhnliche Orte und Szenerien bringt oder indem sie uns als Kunstschaffende neue Wahrnehmungsweisen lehrt – beispielsweise durch die Auseinandersetzung, den unmittelbaren und intensiven Kontakt mit einem Gegenstand. Eine schöpferische Tätigkeit, die entweder – wie von Goethe angenommen – durch das Naturerleben inspiriert wird oder ein Weg der Annäherung sein kann, um uns in die gemeinsame Welt des »Lebendigen« zurückzuführen. Und auf diese Weise vielleicht auch selbst Handlungsräume und -fähigkeiten angesichts aktueller Herausforderungen zu entwickeln, anstatt die Zerstörung unserer Mitwelt lediglich über die Distanz heimischer Bildschirme zu bedauern.
Buchempfehlungen zum Thema

Kathrin Schlup erzählt von Menschen, die versuchen, der Natur nicht länger als Ressource, sondern als Gegenüber zu begegnen. Ein kluges, leises Buch, das zeigt: Transformation beginnt mit einem Perspektivwechsel.
Die Form der Schönheit ist ein Plädoyer gegen die Verrohung des Alltags. Frank Berzbach zeigt, dass Ästhetik keine Frage des Geschmacks, sondern der Aufmerksamkeit ist – für Dinge, Menschen und Gesten. Ein schmales Buch mit leiser Stimme, das lange nachhallt.


Stefan Bollmann liest Goethe nicht als Nationaldichter, sondern als geduldigen Beobachter einer Welt, die sich nur denjenigen erschließt, die langsam genug hinsehen. Der Atem der Welt ist klug, unaufgeregt und gerade deshalb radikal – ein Buch über Natur als Erkenntnisform, nicht als Kulisse.
Civilized to Death ist kein nostalgischer Ruf zurück in die Steinzeit, sondern eine elegante Provokation gegen den Fortschrittsfetisch. Christopher Ryan zerlegt die Selbstverständlichkeiten der Moderne – manchmal zu zugespitzt, aber fast immer anregend. Ein Buch, das die richtigen Fragen stellt und zum Nachdenken über Gesellschaft und das eigene Handeln anregt.

