Über Leben

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Über Leben

Das Leben ist eine Aneinanderreihung von Entscheidungen. In der aktuellen Situation wird mir das immer bewusster. Was vorher von Routinen bestimmt war, muss heute täglich neu gedacht werden. Was kaufe ich ein? Mit wem darf ich mich treffen? Wohin darf ich fahren? Wann fühle ich mich wohl? Was ist zu viel?

An manchen Tagen scheint es mir eine unendliche Last, mein Leben täglich neu zu sortieren. Ich fühle mich überfordert, genervt, gestresst, habe keine Lust mehr, verfalle in Eskapismus. An anderen Tagen, sehe ich die Chance, die sich uns gerade bietet.

2020 ist ein Jahr von Umbruch und Veränderung. Oft wiederholt und unbestritten zieht sich dieser Satz durch die Medien und unsere Köpfe. Doch bei aller Energie, die uns das tägliche Verrücken und Abtasten der Gegenwart kostet, bietet sich gerade jetzt die Gelegenheit, eine neue Richtung einzuschlagen.

Unser aktuelles Handeln (zumindest das der meisten von uns) folgt dem Vorsorgeprinzip. Anstatt uns in Sicherheit zu wahren, bedenkenlos unter Menschen zu gehen und zu hoffen, dass uns das Virus schon nicht trifft, folgen wir unserem Verstand und handeln bestmöglich im Sinne der Gemeinschaft. Genau diese aktuelle Notwendigkeit führt zum Kern meiner täglichen Anstrengung, denn sie bedarf der fortwährenden Erinnerung an die vorherrschende Ausnahmesituation.

Dagegen arbeitet mein Bedürfnis zu verdrängen, zu vergessen oder schlicht zu ignorieren. Ich sehne mich zurück in die unangestrengte Sicherheit, in der ich mich noch vor wenigen Monaten bewegen durfte. Wünsche und hoffe, dass uns eine vergleichbare Situation nicht wieder heimsucht, nur um beim Blick in die Zukunft zu merken, dass wir uns schon lange vor der Pandemie im Ausnahmezustand befanden. Und so stellt sich mir die Frage, warum ich den aktuellen Kraftakt nicht nutze, um die nächste Krise zu verhindern?

In „Über Leben“ widmen sich Dirk Steffens und Fritz Habekuss ihrer Liebe zur Natur und der Schönheit unserer Erde. Die beiden (Wissenschafts-) Journalisten erinnern daran, dass wir als Menschen Teil eines wunderbaren Netzwerks des Lebens sind, indem alles mit allem verwoben ist. Doch hinter dieser offenkundigen Liebeserklärung steckt ein Weckruf. Die Autoren möchten uns daran erinnern, dass wir als Menschen im Begriff sind, diesen einzigartigen Planeten für immer zu verändern.

Beim Lesen muss ich mir eingestehen, dass ich nie wirklich Naturmensch war. Schon als Kind habe ich meine Zeit lieber zwischen Buchseiten verbracht als zwischen Bäumen. War eher im Verstand als im Gefühl. Eher im Kopf als in der Welt da draußen. Doch der Blick durch die Augen der Experten bringt mich dazu, meine Verbindung zur Natur zu überdenken.

Steffens und Habekuss bringen meine Misere auf den Punkt: „Wer versucht, die Welt ausschließlich mit dem Verstand zu erfassen, wird nur einen Teil von ihr wahrnehmen.“ Ihre Empfehlung: Resonanzerfahrungen. Neugierig in die Welt hinausgehen, lernen die Natur frei von Erwartungen und mit allen Sinnen wahrzunehmen, Bewusstsein für die Beziehung zur Natur entwickeln. Eine Empfehlung, die ich eher in der yogischen Philosophie als in einem Sachbuch zum Thema Artensterben erwartet hätte.

Während die Klimakrise die Art und Weise bedroht, wie wir leben, geht es beim Artensterben darum, ob wir leben.

Dirk Steffens, Fritz Habekuss

Der Grund für die Notwendigkeit meiner Rückverbindung mit der Natur und ihr Bezug zur Pandemie sind schnell erklärt. Da Verhaltensänderungen nur selten unserem Verstand entspringen, zielt die Begegnung mit der Natur auf mein Gefühl ab. Ich soll nicht einfach verstehen, sondern mit allen Sinnen wahrnehmen, dass ich nicht abseits, sondern als Teil der Natur existiere. Die dadurch entstehenden Gefühle leiten im Anschluss meinen Instinkt, der wiederum mein Verhalten bestimmt- selbst dann, wenn es nicht mehr vom Staat sanktioniert und wieder allein meiner Verantwortung überlassen ist.

Unser Verstand besitzt die Fähigkeit, Normen und Werte zu verschieben und sogar komplexe Probleme zu lösen. Ergänzen wir diese Kraft mit dem Gefühl von Verbundenheit, können aus ihm Überzeugung und Veränderung wachsen. Wir lernen gerade auf schmerzliche Weise, unser Verhalten am Wohle der Gemeinschaft auszurichten und unsere eigenen Interessen zurückzustellen. Damit wir diese Haltung nicht nach der Pandemie direkt wieder vergessen und die „verlorene Zeit“ mit übermäßigem Konsum kompensieren, bietet sich uns aktuell die Chance, Routinen und Verhaltensweisen in unser Leben einzuladen, die unsere Welt auch in Zukunft erhalten, anstatt sie nach und nach zu zerstören.

Mit ihrer Einladung zur Rückverbindung mit der Natur und dem Aufruf, die Vielfalt des Lebens als Grundlage von Gesundheit, Wohlstand, Ernährung und Sicherheit zu erhalten, appellieren Steffens und Habekuss an das Verantwortungsbewusstsein der Menschen. In „Über Leben“ vermitteln sie auf anschauliche Art, was die Wissenschaft heute über das Ausmaß des Artensterbens weiß und zeigen mögliche Ansätze und Wege auf, um es zu beenden.

Wie wichtig dieses Thema für unsere Zukunft ist, konnte ich erst im Laufe des Buches wirklich fassen. Und je klarer die Problematik sich herauskristallisierte, desto geringer wurde mein Verständnis dafür, dass Artensterben aktuell neben der globalen Erwärmung nur so wenig Platz in der medialen Berichterstattung findet. Ein Buch, das wirklich jeder gelesen haben sollte und dessen Botschaft noch lange in mir nachhallen wird.

Veränderung ist möglich. Am besten genau jetzt.

Für alle, die mehr erfahren möchten:

https://www.zdf.de/dokumentation/terra-x/dirk-steffens-aus-liebe-zum-leben-artenschutz-100.html

https://biodiversity-foundation.com

Lara

Als Pendlerin zwischen Gestern und Heute teile ich seit 2019 meinen inneren Monolog auf dieser Website. Micropolis ist für mich Collage und leeres Blatt. Eskapismus und Tor zur Welt.

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