Eine Empfehlung meiner Doktormutter lenkte vor wenigen Wochen meine Aufmerksamkeit auf ein kleines Büchlein von Kathrin Schlup. „Weltverbunden. Impulse für das Zusammenleben von Mensch und Natur“ – ein interessanter Titel zwischen Sachbuch und Ratgeber und mit der menschlichen Beziehung zur Umwelt ein thematischer Volltreffer, denn insbesondere als Gegenstand der (Medien-)Kunst beschäftigt mich das Verhältnis von Mensch, Umwelt und Technologie seit vielen Jahren.
Wie wir wirken
Dass wir Menschen mit unserem Verhalten Einfluss auf die Natur nehmen, steht wohl außer Frage. Doch das und vor allem wie natürliche Phänomene auf uns zurückwirken, ist den wenigsten wirklich bewusst. Wie es manchmal so ist, erreichte mich diese Frage im Jahr 2019 gleich von mehreren Seiten. Mitgerissen von den Protesten der damals noch lauten Klimabewegung und inspiriert durch ein immer intensiveres Umdenken im Kontext des eigenen Konsumverhaltens, entschied ich mich nach langem überlegen, meiner Anstellung in der Modeindustrie den Rücken zu kehren. Mit dieser Entscheidung begann für mich eine Suche – nicht nur nach einer neuen Stelle, einer neuen Ausrichtung, sondern vor allem nach etwas, das mich wirklich bewegte. Das mich diese Suche in die Natur führte, überraschte mich selbst.
Immer mehr Zeit verbrachte ich damals bei Spaziergängen im Wald. Überwältigt durch die zahlreichen Eindrücke der vorausgegangenen Jahre. Durch Business-Trips in die Metropolen Europas, zu Modenschauen, Kampagnen-Launches oder Photoshootings war ich ständig unterwegs und immer irgendwie unter Strom. Erst jetzt merkte ich, wie dringend es an der Zeit war, herunterzufahren. Und wie sehr mir der Rückzug ins Grüne dabei half.
Ressource oder lebendige Mitwelt?
Schulf beschreibt in ihrem Buch zwei unterschiedliche Weltsichten: die Betrachtung der Natur als dem Menschen unterworfen, als Ressource, und jene, die Natur als lebendige Beziehung zwischen Mensch und Mitwelt begreift. Retrospektiv erscheint mir interessant, dass das Wissen darum, dass unsere westliche Ressourcenperspektive die Ausbeutung der Natur und damit unsere eigene Existenz bedroht, niemals wirklich neu war. Angestoßen spätestens durch die Umweltbewegung der 70er Jahre und in meiner Jugend u.a. präsent durch mediale Figuren wie Al Gore, Jane Goodall, Jonathan Safran Foer oder David Attenborough war mir immer klar, dass unser menschliches Verhalten langfristig die Umwelt zerstört. Was mir jedoch fehlte, war das Wissen um Alternativen. Um Lösungen an denen ich tatsächlich partizipieren und ins Handeln kommen konnte.
Neue Narrative statt kurzfristige Lösungen
Eben diese Handlungswege betrachtet auch Kathrin Schlup in „Weltverbunden“. Doch ihr Ansatz beschränkt sich nicht auf das menschliche Konsumverhalten, wie es viele andere tun. Stattdessen setzt sie deutlich früher an und präsentiert unterschiedliche Projekte, die darauf bedacht sind, Mensch und Mitwelt (wieder) zusammenzubringen. Durch diese Verschiebung setzt sie nicht auf Umerziehung, sondern auf eine Veränderung des dem Verhalten zu Grunde liegenden Narrativs.
„Die Auffassung, alles anders-als-Menschliche sei als Ressource zu betrachten […] blendet aus, dass wir unsere Lebenswirklichkeit mit anderen Akteuren teilen und dass wir langfristig nur dann in Wohlstand leben können, wenn wir partnerschaftliche Beziehungen und Allianzen etablieren.“
Weltverbunden – Kathrin Schlup
Auch mein Interesse an der künstlerischen Auseinandersetzung mit Mensch, Natur und Technik setzt an dieser Stelle an. Denn je mehr Zeit ich im Grünen verbrachte, je mehr ich entschleunigte und mich mit anderen Perspektiven auseinandersetzte, desto klarer schien mir, dass es eine Veränderung in Geschichten, Sprache und Wahrnehmung ist, die Wirkung ausübte. Es ging um physisches Erleben, statt rationalem Verstehen. Und abseits des direkten Kontakts mit meiner Mitwelt schien mir die künstlerische Sphäre, die mich sowohl als Schaffende, wie auch als Rezipierende berühren konnte, einer der besten Orte für diese Begegnung.
Zwar befasst sich „Weltverbunden“ nur am Rande mit Kunst und Technologie – zwei der Kapitel gehen konkret auf diese Themen ein – doch auch darüber hinaus nehme ich einige Impulse mit aus diesem kurzweiligen Leseerlebnis.
