Während einer Rundreise durch Südengland im Herbst 2024 besuchte ich einige der zentralen Schauplätze des Lebens und Wirkens von Jane Austen. Einer dieser für mich besonderen Orte war Mompesson House in Salisbury, eine Kulisse der mehrfach oskar-nominierten Verfilmung des Austen-Klassikers „Sense and Sensibility“ aus dem Jahr 1995.
Mompesson House
Mompesson House ist ein elegantes Stadthaus aus dem frühen 18ten Jahrhundert. Gelegen in unmittelbarer Nähe zur berühmten Salisbury Cathedral und damit Mitten im Kern der mittelalterlichen Stadt, war das Grundstück einst für Bischof und Klerus vorgesehen. Gegen Ende des 17. Jahrhunderts wurde die Gegend jedoch zum Wohnort von Adel und gehobenem Bürgertum. Von da an wanderte das um das Jahr 1701 erbaute Haus über die Jahrhunderte in den Besitz unterschiedlicher Familien. 1975 wurde es schließlich dem britischen National Trust übergeben, der es originalgetreu im georgianischen Stil (1714 – 1840) einrichtete und mit einer sorgfältig ausgewählten Sammlung von Kunstwerken, Möbeln und Porzellan aus dem 18. und 19. Jahrhundert ausstattete. Die perfekte Kulisse für eine Jane Austen Verfilmung.
Secret Doors

Doch anders als erwartet waren es nicht Kunstwerke oder Filmreferenzen, die mir besonders von meinem Besuch in Erinnerung blieben. Abgehend von einem der Salons im Obergeschoss entdeckte ich eine geschlossene Holztür. In der Erwartung, ins nächste Zimmer zu gelangen, öffnete ich die Tür und stand plötzlich vor einer gemauerten Wand aus roten Ziegelsteinen. Reine Dekoration? Nicht ganz. Eine der Room Stewards erklärte uns, dass diese sogenannten „Dummy-Doors“ installiert wurden, um die Größenwirkung der Anwesen bei Gästen zu beeinflussen.
Ein Statusgehabe, das durchaus Wirkung zeigte, denn auch wir fielen ohne Anstalten auf den Wahrnehmungstrick herein. Später erfuhr ich, dass die Scheintüren auch aus ästhetischen Gründen in georgianische Bauten ergänzt wurden. Abseits der Größenwirkung sollten sie in Prunkräumen, Salons oder Eingangshallen Symmetrie und visuelle Balance erzeugen. (1)
Eine ähnliche Spielerei, die sich häufig in britischen Stadthäusern findet, sind sogenannte „Jib-Doors“ – Türen, die bündig mit den Wänden eines Raumes abschließen, ohne auffällige Rahmen auskommen und damit wie ein Teil der Wand wirken. (2) Oftmals ohne Beschläge und mit verdeckten Scharnieren versehen, können die Schwingtüren mit Tapete oder Vertäfelung verkleidet oder einfach gestrichen werden, sodass sie sich in den Hintergrund einfügen und nur Eingeweihte von ihrer Existenz wissen, bis sie geöffnet werden. (3)
Märchenwelt
Zwar glaube ich nicht, dass ich jemals das Geld haben werde, um in einem Haus mit solch einer verborgenen Tür zu leben (aber wer weiß, die Daumen sind gedrückt!), doch allein beim Anblick musste ich an Geschichten und Märchen denken, in denen sie fantastische Welten hinter sich verbergen würden. Wie der Spiegel in „Reckless“ von Cornelia Funke, dessen ersten Teil ich erst kürzlich zu Beginn des Herbstes erneut gelesen habe, könnten sich ganze Welten hinter solchen Türen verbergen.

Und natürlich bräuchte es die fantastische Gabe und die Neugierde von Kindern, um diese zu entdecken. Tatsächlich erfuhr ich erst vor Kurzem, dass Funke ihren Roman zehn Jahre nach seinem Erscheinen 2020 in überarbeiteter Version erneut veröffentlichte. Natürlich war es dementsprechend die neue Version, die in diesem Herbst auf meinen Bücherstapel wanderte. Entführt in eine Welt voller Märchen, von denen nicht alle ein Happy End haben, tauchte ich mit den Jacob, Will, Clara und Fuchs tief in die Welt der Grimmschen Märchen ein und war fast schockiert, wie düster Cornelia Funke ihre Spiegelwelt angelegt hat. Besonders spannend erschien mir dabei, dass sie die finstere Geschichte im sonnigen Kalifornien geschrieben hat. Ich muss wahrscheinlich nicht extra erwähnen, dass ich mir direkt den zweiten Teil bestellt habe.
Verwunschene Gassen
Auch wenn es kein englisches Stadthaus werden wird, scheint sich für mich in unmittelbarer Zukunft ein Umzug anzubahnen. Eigentlich zufrieden im aktuellen Mietverhältnis veränderte ein Anruf vor wenigen Wochen plötzlich alles. Einem Bekannten war die Annonce für eine Wohnung in ruhiger und gleichzeitig zentraler Lage ins Auge gefallen. Im Wissen, dass wir langfristig etwas größeres brauchen würden, leitete er sie uns weiter. Gelegen in einer fast zugewachsenen Gasse brauchte es einen Moment, bis wir das Haus auf dem Weg zur Besichtigung tatsächlich entdeckten. Der Anblick des unscheinbaren Weges zum Haus erinnerte mich wieder an die geheimen Türen. Denn obwohl ich an der Zufahrt schon zahlreiche Male mit Freunden vorbeispaziert bin, fiel sie mir erst jetzt – mit dem konkreten Hinweis auf das dahinter liegende Haus – tatsächlich auf und zeigte mir mal wieder, wie selektiv unsere Wahrnehmung eigentlich funktioniert.
Rabbit Holes
Jib-Doors, diese verborgenen Elemente innerhalb bekannter Strukturen, sind es, die ich auch in Literatur, Kunst oder Poesie so sehr schätze. Heute würde man wohl auch Easter-Eggs oder Insider zu ihnen zählen. Was ich meine, sind Verweise oder Links, die Objekten und Texten Tiefe geben. Von denen aus man in die nächste Welt springen, in das nächste Rabbit-Hole versinken kann oder die einen ganz einfach zum Lächeln bringen, weil man weiß, dass sie Hinweise von Schöpfer oder Schöpferin sind, anhand derer sie sich zu erkennen geben. Auch eine meiner liebsten Thriller-AutorInnen, Melanie Raabe, nutzt diese stilistischen Eigenarten. So gibt es in ihren Geschichten grundlegend Verweise auf Musik und Literatur. Außerdem erscheinen immer wieder Figuren wie Mauersegler oder Füchse. Auch ihr neustes Buch „Daisy“ enthält diese Hinweise und Augenzwinkern in Richtung ihrer Leser:innen. Der Thriller dreht sich um Luca, eine Anwältin, deren Gerechtigkeitssinn so stark ist, dass sie abseits des Gerichtssaals loszieht, um auf eigene Faust Rache an Menschen zu üben, die vom Gesetz verschont geblieben sind. So lange, bis sie irgendwann selbst Ziel eines grausamen Spiels wird, das sowohl sie als auch ihre engsten Freunde in Lebensgefahr bringt.

Außerdem beweise Melanie Raabe in „Daisy“ ein weiteres Mal ihr hervorragendes Gespür für Zeitgeist. Denn anders als viele andere Charaktere aktueller Geschichten aus Literatur, Film und Fernsehen handeln sowohl Luca als auch die Person, die ihr auf die Schliche kommt, nicht rein idealistisch, sind keine Sympathieträger, deren Beweggründe man als Lesende:r direkt nachvollziehen oder unterstützen kann.
Vielmehr zeigen sich sich getrieben von Emotionen, handeln aus Angst, Rachsucht, Hass oder ganz einfach aus dem Gefühl von Langeweile oder dem Wunsch, Macht über einen anderen Menschen auszuüben. Dabei geht die Autorin so weit, dass mich beim Lesen gleich an mehreren Stellen eiskalte Schauer durchfuhren und Bilder entstanden, die mich lange nicht losgelassen haben.
Bücher und Filme für die dunkle Jahreszeit
Jetzt, wo die Tage kürzer werden und die Dunkelheit sich langsam über den verstreichenden Spätsommer legt, ist „Daisy“ das ideale Buch für Leser:innen, die es auch mal düster mögen. Fantasy- und Märchenfans könnten eine Reise in die Spiegelwelt von Cornelia Funkes „Reckless“ wagen. Wer dagegen im Herbst eher nostalgisch wird und sich – wie ich – gerne in britische Stadthäuser träumt, dem kann ich die Lektüre meiner letzten Englandreise empfehlen: Jane Austen’s „Sense and Sensibility“. Ein Literaturklassiker, der auch in der eingangs erwähnten Verfilmung von Regisseur Ang Lee mit Emma Thompson, Kate Winslet und Hugh Grant in den Hauptrollen ein wahrer Genuss an einem regnerischen Sonntagnachmittag ist. Am besten natürlich mit Scones, schwarzem Tee und einem Schuss Milch. Oder – für Kinoliebhaber:innen – ab Oktober in der Neuverfilmung unter der Regie von Georgia Oakley. Ich wünsche Euch einen spannenden Leseherbst mit vielen geheimen Türen.
Quellen und Verweise:
(1) https://www.cyclingscot.co.uk/blog/house-of-dun.
(2) https://regencyredingote.wordpress.com/2019/05/03/jib-doors-through-the-regency/.
(3) https://artichoke.co.uk/2024/05/01/the-enduring-delight-of-the-secret-door/.
