Getrieben – über Marketing, Spargel und Persönlichkeitsentwicklung

Vor Kurzem habe ich eine Marketing Konferenz besucht. Keine Angst! Es folgt kein Text über die 10 vielversprechendsten Trends der Branche oder die 3 größten Marketingfehler und wie sie zu vermeiden sind. Die Teilnahme an der Veranstaltung hat mich vielmehr nachdenklich gemacht und zu einer paradoxen Selbsterkenntnis geführt. Aber dazu später mehr.

Meine Reise beginnt am frühen Morgen. Dreieinhalb Stunden Fahrt Richtung Norden. Ein kurzer Besuch in meiner Unterkunft für die nächsten drei Tage. Dann endlich auf der Zielgeraden. Die Konferenz läuft seit zwei Stunden. Entsprechend voll sind die umliegenden Viertel. Erkennbar am bunten Batch und unverkennbar teuren, strahlend weißen Sneakern zieht die Masse durch die hippe Umgebung an mir vorbei. Das Spiel hat begonnen.

Es ist ein eigenartiges Gefühl, eine derart große Anzahl hipper Menschen auf einem Fleck zu erleben. Ein bisschen wie Berlin Mitte, denke ich, mit einem leichten Schmunzeln auf den Lippen. Ein kurzer Rundgang über das Gelände bestätigt meinen ersten Eindruck. Gut aussehende Influencer, trendaffine Marketer und hochkarätige Redner bevölkern alle Bereiche der Konferenz und versprühen einen Duft von Lässigkeit, Erfolg und großen Träumen.

Die für einen Großteil der Menschheit wohl eher eigenartig anmutende Atmosphäre der Veranstaltung bringt mich zum Grübeln. Ursprünglich der spirituellen Praxis vorbehalten, ist es heute Gang und Gäbe große Träume zu haben und darüber zu sprechen. Gleichgesetzt mit Zielen und Ambitionen werden sie von Eltern, Lehrern oder Popkultur ins Mindset des Einzelnen gepflanzt. Einmal fest verwurzelt, obliegt ihnen die Aufgabe, uns beständig daran zu erinnern, wer wir sein, was wir besitzen und wie wir aussehen könnten.

Träume nicht nur zu haben, sondern auch zu verfolgen ist gesellschaftlich hoch angesehen. Unweigerlich einer der wichtigsten Pfeiler des kapitalistischen Gedankens, gelten sie als innere Antreiber, elementare Zahnrädchen im Getriebe des Fortschritts. Doch umgeben von motiviert strahlenden Gesichtern wird mir bewusst, dass sich etwas in der Wahrnehmung von Träumen verändert hatte.

Betitelt mit dem eingängigen Begriff Law of Attraction (Gesetz der Anziehung) proklamieren TED-Speaker und Personalcity-Coaches seit Jahren, Träume seinen nicht einfach Sinnbilder unrealistischer Wunschvorstellungen. Tief davon überzeugt, dass es in unserer eigenen Hand liegt, Träume in Erfüllung gehen zu lassen, werden wir dazu angehalten, rein durch Beständigkeit und Vorstellungskraft Herr (oder Frau) über unsere eigene Zukunft zu werden. Im Umkehrschluss bedeutet das: Wem es nicht gelingt seine Träume zu erreichen, hat sich einfach nicht genug bemüht.

Natürlich werden wir mit diesem Anspruch nicht alleingelassen. Eine ganze Reihe von Apps und Devices hilft uns dabei, gesünder, sportlicher und effizienter zu werden, Affirmationen lassen uns die eignen Gedanken und Gefühle kontrollieren und Inspirational Quotes motivieren uns beständig groß zu Träumen und am Ball zu bleiben.

Ich schaue mich weiter um und finde eine der drei großen Bühnen. Das Vibrieren meiner Smartwatch weist mich darauf hin, mein Bewegungsziel für heute erreicht zu haben. Sehr schön – damit sind zumindest die drei Stunden Autofahrt vom Morgen wieder ausgeglichen. Da kein Sitzplatz mehr frei ist, bleibe ich stehen und lausche dem ersten Vortrag des Tages. Wie so häufig in letzter Zeit, geht es um das Thema Aufmerksamkeit. Ob Marke oder Persönlichkeit, vor dem Hintergrund des unüberschaubaren Medienangebots kämpft jeder darum, Aufmerksamkeit zu bekommen und zu halten. Fasziniert folge ich der Argumentation der Experten und komme angesichts ihrer beeindruckenden Bühnenpräsenz nicht umhin, mir zu wünschen selbst einmal dieses Maß an Ausstrahlung vorweisen zu können.

Der Neid spornt mich an und gibt mir gleichzeitig zu denken. Ich merke, dass der Wunsch nach Ansehen und Erfolg auch in meinem Mindset tief verankert ist und bin ich mir erstmals sicher, dass ich die Law of Attraction nicht einfach als Schwachsinn abstempeln sollte. Doch gerade als Teil der Marketing- und Medienwelt, die sich im Kern nunmal der Beeinflussung der Masse widmet, frage ich mich, wie viele der Träume und Ziele, die ich verfolgte, wirklich meine eigenen sind.

Träume werden von außen an uns herangetragen. Unsere Wünsche, Sehnsüchte und Lebensentwürfe sind zu einem großen Anteil geprägt von Geschichten, die uns über Eltern, Freunde oder Medien erreichen und die, in Abstimmung mit dem kulturellem Wandel der Gesellschaft, beeinflussen, was wir für unser eigenes Leben als erstrebenswert erachten.

Grundsätzlich ließe sich wohl argumentieren, dass die individuelle Entscheidung natürlich noch immer der Freiheit des Einzelnen obliegt. In Verbindung mit der Idee der Law of Attraction nimmt das Szenario jedoch unangenehme Züge an. Denn wenn wir heute festlegen, wie unser Leben in 3, 5 oder 10 Jahren aussehen soll, um es im Anschluss mit Visualisierung und Affirmationen in die Realität umzusetzen, berauben wir uns eigentlich einer der schönsten Eigenarten des Lebens: Unserer Wahrnehmung.

Der Applaus des Publikums reißt mich aus meinen Gedanken. Es folgt eine kurze Pause mit dem Hinweis auf die umliegende Essensausgabe. Ich lese das Menü und entscheide mich für Spargel mit Lachs. Das Essen ist hervorragend und ganz im Sinne der Veranstaltung highly instagrammable. Ausgelaugt von der müßigen Anreise genieße ich meine Pause an einem der kleinen Stehtische. Um mich herum läuft eine Unterhaltung über den nächsten Redner. Eigentlich bekannt als Fotograf, der immer eine lustige Saufgeschichten mit einem Celebrity parat hat, entschied er im Zuge seiner zunehmenden Popularität den Konsum von Alkohol aufzugeben und gleichzeitig auf vegane Ernährung umzusteigen. Mit dem neuen, gesünderen Mindset hat seine Produktivität eine enorme Steigerung erfahren. Seine Zielstrebigkeit begeistert die Stehtischgesellschaft.

Ich frage mich, ob der Wunsch, Träume auf immer radikalere Weise zu verwirklichen, eine unbewusste Reaktion auf die zunehmende Komplexität der Welt ist. Abgelenkt von der konstanten Beschallung der Gegenwart wird es mühselig, zu verweilen, wahrzunehmen und Veränderungen mit Gelassenheit zu begegnen. Ein festgelegtes Mindset, mit klaren Träumen und Zielen, erlaubt es dagegen, das weltliche Geschehen durch einen selbst angelegten Filter zu betrachten. Alles, was zum Erreichen unserer Träume notwendig ist, nehmen wir weiterhin wahr, nur der Komplexitätsgrad der Gegenwart wird ein wenig zurückgeschraubt.

Es liegt mir fern, das Streben nach Selbstoptimierung und das Verfolgen der eigenen Träume zu verurteilen. Wer sehnt sich nicht nach Anerkennung im Beruf, einem gesunden, fitten Körper und einer glücklichen Beziehung. Trotzdem möchte ich mich bei aller Zielstrebigkeit nicht selbst limitieren. Ich möchte weiterhin mit offenen Augen durch die Welt gehen können und Möglichkeiten entdecken, anstatt beständig nach ihnen zu suchen. Möchte nicht die Fähigkeit einbüßen, Dinge und Menschen kennenzulernen, die im ersten Augenblick keinen Mehrwert für mich bieten. Und vor allem möchte ich vermeiden, neben der digitalen auch noch eine analoge Filterblase aufzubauen. Denn wenn das Sprichwort stimmt und Energie immer der Aufmerksamkeit folgt, möchte ich zumindest mit entscheiden, wofür ich meine limitierten Ressourcen verbrauche.

1 Comment

  1. Andreas

    Vielen Dank für diesen bewegenden und nachdenklichen Beitrag. Ich habe mich selten inhaltlich mehr mit einem Text identifizieren können, als mit diesem.

    Vor vielen Jahren fotografierte ich wie ein Besessener. Wo immer ich war, nahm ich meine Umgebung wie durch den Sucher meiner Kamera wahr. Wie schreibst Du so treffend: „Der Wunsch nach Erfolg und Anerkennung war auch in meinem Mindset tief verankert.“ Aber ich schuf Fotografien, von denen ich dachte, dass sie mit ihrem elaborierten visuellen Code einflussreiche Leute beeindrucken könnten. In meinen Fotos war kaum mein wahres Wesen enthalten. Ich erkannte eines Tages, dass ich nicht mehr als ein durchschnittlicher spießiger Lebensdarsteller war, der sich seine Träume und Überzeugungen da abholte wo der Konformitätsdruck des Zeitgeistes sie ablegt hatte.
    Sich davon zu emanzipieren, ist unglaublich schwierig. Damals hätte Dein Text mich sicherlich sofort dazu gebracht, vieles zu hinterfragen. Meine limitierten Ressourcen verbrauche ich heute endlich überwiegend für die Wünsche und Träume, die ich in jahrelangen Introspektionen im Epizentrum meines Wesens gefunden habe.

    (In Deinem Aufsatz ging es noch um vieles mehr. Aber gerade diese Gedanken hatte er spontan in mir evoziert.)

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