Anyway the wind blows

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Ich öffne das Fenster und frische Morgenluft strömt an mir vorbei in die Wohnung. Im Fluss der angenehmen Brise wandert auch mein Blick.

Als er die Fensterscheibe passiert, kann ich mir ein Lächeln kaum verkneifen. Selbst nach vielen Wochen zu Hause hält sich eine dicke Staubschicht hartnäckig an der Glas-Außenseite. Manche Dinge ändern sich nie.

Ich richte meinen Blick nach draußen und vor mir zeichnet sich ein ungewohnt klares Bild. Acht Wochen im Schutzumschlag haben Spuren hinterlassen.

„Nothing really matters

Anyone can see

Nothing really matters nothing really matters to me

Anyway the wind blows“

Der Song im Radio klingt langsam aus und die Nachrichten starten. Es heißt ab morgen kehre endlich Normalität zurück. Der aufbauende Ton der Moderatorin macht Mut. Dann wandert mein Blick zurück auf die Fensterscheibe und Zweifel mischen sich unter den Optimismus. Eine vorübergehende Lockerung macht die letzten Monate nicht ungeschehen. Verklären die Versprechen auf Rückkehr unseren Blick auf die Realität?

Natürlich ist auch meine Geduld am Ende. Ich sehne mich nach unvermittelter Wirklichkeit. Will Schluss machen mit Pixelrauschen und Signalstörungen. Doch ist es schon an der Zeit?

 

Ist es schon an der Zeit?

Vor ein paar Tagen habe ich gelesen, dass Verzerrungen und Verzögerungen in Videokonferenzen das Empfinden von Isolation, Angst und Trennung eher verstärken als abschwächen. Die Störungen verwirren unsere Wahrnehmung, erschweren die Vermittlung subtiler sozialer Signale und indem unser Gehirn versucht, die Lücken zu füllen und der Unordnung eine Form zu geben, hinterlässt es Unruhe und Müdigkeit. Was bleibt ist die trügerische Illusion von Nähe auf Distanz. Gespräche ohne zweite Ebene, ohne non-verbale Feinheiten, ohne Tiefe.

Mit dem Wetterbericht finden die vermeintlich aufheiternden Nachrichten ihren sonnigen Abschluss und räumen das Feld für das nächste Lied.

„Little darling, the smiles returning to the faces.

Little darling, it seem like years since it’s been here.“

Wieder zeiht eine Brise frischer Morgenluft an mir vorbei in die Wohnung. Ein letzter klarer Blick nach Draußen, dann schließe ich das Fenster.

„Here comes the sun.

Here comes the sun.

And I say, it’s all right.“

Ob ich endlich bereit bin, die Staubschicht zu entfernen?

Ich denke es ist noch nicht an der Zeit.

Lara

Als Pendlerin zwischen Gestern und Heute teile ich seit 2019 meinen inneren Monolog auf dieser Website. Micropolis ist für mich Collage und leeres Blatt. Eskapismus und Tor zur Welt. Viel Spaß beim Lesen!

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