Die interessantesten Geschichten passieren selten dort, wo man sie erwartet. Sie sitzen am Nebentisch, steigen an derselben Haltestelle aus oder tauchen in einem Gespräch auf, das längst beendet schien. Man muss lediglich genau hinsehen und vielleicht ein wenig länger zuhören, als es der Alltag üblicherweise erlaubt.
Ferdinand von Schirach tut genau das. In Der stille Freund sammelt er Beobachtungen und Begegnungen, die auf den ersten Blick kaum mehr sind als beiläufige Episoden. Ein Mensch, eine Situation, ein Gedanke leiten dabei zu den großen Fragen: nach Zeit und Vergänglichkeit, nach Herkunft und Identität, nach dem, was Menschen verbindet.
Dabei sind es die kleinen Verschiebungen, die von Schirach interessieren. Die schwer wahrnehmbaren Details, hinter denen sich manchmal ganze Lebensentwürfe erkennen lassen. Besonders reizvoll ist dabei sein Blick auf Menschen, die nicht in vorgesehene Kategorien passen, auf Biografien jenseits des Üblichen.
In der Tradition von Kaffee & Zigaretten und Nachmittage verbindet er Erfahrungen mit philosophischen Reflexionen und literarischen Miniaturen. Ob das Erzählte autobiografisch, autofiktional oder erfunden ist, bleibt in der Schwebe. Die Kürze der Kapitel ist dabei mehr als eine stilistische Entscheidung. Sie könnte als Abbild einer Gegenwart gelesen werden, in der wir ständig weiterziehen. Eine Geschichte, ein Gedanke, ein neuer Reiz. Von Schirach bedient diesen Rhythmus und widersetzt sich ihm zugleich. Seine Texte sind schnell gelesen, aber nicht unbedingt schnell verstanden. Sie verlangen keine stundenlange Konzentration, wohl aber die Bereitschaft, einen Gedanken mitzunehmen, statt ihn sofort durch den nächsten zu ersetzen.
Der stille Freund ist kein Buch, das man wegen eines durchgehenden Plots verschlingt. Es ist ein Buch für Zwischenzeiten. Für den Kaffee, der kalt werden darf. Für die Fahrt, bei der man nicht ständig aufs Telefon schaut. Für den Abend, an dem man nach wenigen Seiten aufhört zu lesen, weil ein Gedanke plötzlich wichtiger geworden ist als die nächste Geschichte.
Vielleicht ist das der stille Freund, den der Titel des Buchs meint: nicht unbedingt ein Mensch, sondern die Geschichte selbst. Sie begleitet uns, ohne sich aufzudrängen. Sie wartet in den Dingen, die wir übersehen, in den Menschen, die wir nicht verstehen, und in den Momenten, denen wir erst später Bedeutung geben.
Wir müssen nur kurz stehen bleiben, um sie wahrzunehmen.
