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Weiter so? Unser Umgang mit neuen Technologien

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Precht & Blockchain

Minutenlang stehe ich vor dem Eingang des oldenburger Rathauses und blicke auf die Inschrift über der Tür. „Erst warg’s, dann wag’s!“ – ich muss einige Minuten grübeln, bis ich zum Kern des Satzes hervordringe. Dann der Aha-Moment: Erst denken, dann handeln.

Ich wundere mich nicht, dass dieses Sprichwort kaum noch Verwendung findet. Wer hat schließlich noch Zeit nachzudenken, so schnell und penetrant wie Marken, Medien und Influencer uns heute Inhalte um die Ohren hauen. Gerade mit Blick auf das Web 2.0 scheint Besonnheit eine fast altertümliche Tugend, schließlich steht sie Marktdominanz und Gewinnstreben der Tech-Riesen zwangsläufig im Wege.

„Künstliche Intelligenz und der Sinn des Lebens“ von Richard David Precht buhlt bereits seit zwei Jahren im Regal um meine Aufmerksamkeit. Im Zuge von Blockchain-Boom und Meta-Manie gab ich in der vergangenen Woche endlich nach. Eine der zentralen Thesen in Prechts knapp 240 Seiten langem Werk ist dem Titel bereits eingeschrieben. In seinen Augen entfernt sich die Frage nach der technischen Zukunft des Menschen immer weiter von der Frage nach dem Sinn des Lebens.

Woraus entspringt technische Innovation?

Ein Blick in die Vergangenheit lässt vermuten, dass technische Innovationen mit größerer Wahrscheinlichkeit dem Wunsch nach Geldmehrung oder Kriegsführung entspringen, als aus Altruismus oder Erkenntnissehnsucht hervorzugehen. Doch es gibt auch Gegenbeispiele. Anders als Flugzeug- und Raketentechnik, ist beispielsweise die heute viel diskutierte Blockchain-Technologie aus der Gesellschaft heraus entstanden. Als Reaktion auf die globale Finanzkrise zum Ende der 2000er.

Bis heute ist unklar, wer unter dem Pseudonym Satoshi Nakamoto den Grundstein für die Technologie gelegt hat. Weitaus unstrittig ist jedoch, dass die Blockchain das Kräfteungleichgewichte zwischen Mensch, Staat und Banken in Balance bringen und die Macht des Einzelnen gegenüber dem System stärken soll. Diese Annahme geht zurück auf einen kurzen Text, der dem ersten Bitcoin Block eingeschrieben ist: „The Times 03/Jan/2009 Chancellor on brink of second bailout for banks.“ Er entstammt einem Zeitungsartikel zur Bankenkrise, der am Tag der Erstellung des Blocks erschien. Die digitale Währungseinheit Bitcoin als erste Ausprägung der Blockchain-Technologie war geboren.

Zurück zur Sinnfrage

2022 verbinden wir mit dem Begriff Blockchain zumeist Krypto-Spekulationen und gelangweilte Affen. Hypes, die nicht im Entferntesten spiegeln, welches Potenzial sich wirklich hinter der Technologie verbirgt. Was sie liefern sind erste, anschauliche Ideen, wohin die Reise gehen kann. Doch so strahlend die Entfaltungsmöglichkeiten der neuen Technologie sind, so dunkel sind wohl auch ihre Schattenseiten.

Precht stellt in seiner philosophischen Annäherung dem technischen „Fortschritt“ des Menschen das Aufkommen der Klimabewegung gegenüber und verweist zurecht auf Energieverbrauch, Ressourcenausbeutung und CO2 Emissionen, die mit der Entwicklung einhergehen. Auch im Zuge der Blockchain-Bewegung ist Energie eine der großen Fragen, die bisher unbeantwortet bleibt. Denn das Web 3.0 ist vielversprechend, aber alles andere als nachhaltig.

Gibt es grüne NFTs?

Nachhaltigkeit ist ein umstrittenes Thema in der Blockchain-Welt. Aktuell ist es kaum möglich, genaue Einschätzungen zu Kohlenstoffemissionen von Krypto-Währungen und NFTs zu machen. Das Problem: Der große Energieverbrauch beim sogenannten „Mining“, dem Prozess der Blockerstellung basierend auf der Methode des Proof of Work (PoW), ist Sicherheitsmechanismus und ökologische Schwachstelle in einem.(1) Etablierte Blockchain-Technologien wie Ethereum, worauf der Großteil der heutigen NFTs basieren, arbeiten mit dieser Methode. Schätzungen gehen davon aus, dass eine Transaktion mit Ethereum etwa 20 kg CO2 verbraucht, eine Stunde Netflix im Verlgeich etwa 36 g.(2) Ähnliche Quellen verorten den durchschnittlichen Ökologischen Fußabdruck eines NFT bei etwa 211 kg CO2, was mit dem Stromverbrauch eines EU Bürgers von über einem Monat gleichzusetzen ist.(3)

Für dieses Problem gibt es verschiedenste Lösungsansätze. Wie auch bei anderen wirtschaftlichen Prozessen, gibt es die Möglichkeit, einen Ausgleich der entstandenen Kohlenstoffemissionen zu leisten und Gelder in erneuerbare Energien, Umweltschutzprojekte und Technologien zu investieren, die CO2 aus der Atmosphäre absaugen.(4) Eine andere Option ist die Forschung an und Unterstützung von energieeffizienteren Sicherheits- bzw. Konsens-Mechanismen wie beispielsweise der Methode Proof of Stake (PoS) die in der Flow Blockchain bereits Anwendung auf kleineren Plattformen finden.(5) Der Lösungsansatz, das Mining auf erneuerbare Energien umzustellen ist dagegen strittig, da der Energieverbrauch dadurch nicht sinkt und die Energie ebensogut für lebensnotwendige Dinge genutzt werden könnte.

Prechts Verweis wie auch die Umwelt-Debatte rund um das Thema Blockchain zeigen, dass die Nutzung und Unterstützung einer neuen Technologie schnell eine Frage der Ethik werden kann. Denn je mehr Menschen weiter auf PoW-basierte Blockchain-Projekte wie Bitcoin und Ethereum setzen, desto mehr Emissionen werden produziert. Und das, bevor eine vergleichbare reife, sichere und letztendlich energieeffizientere alternative Lösung gefunden ist.

Der Mensch im Mittelpunkt

Unternehmen und Entwickler werben gerne damit, den Menschen im Zentrum ihres Handelns zu verorten. Besonders bildhaft wird dieser Trend in der Sitcom Silicon Valley auf die Schippe genommen, in der jeder Gründer sein Start Up mit der Mission vorstellt, die Welt zu einem besseren Ort machen zu wollen.

Die Blockchain scheint angesichts ihrer Entstehungsgeschichte tatsächlich einen Mehrwert für Mensch und Gesellschaft zu bedeuten. Wie sie aktuell eingesetzt wird und welche ökologischen Nebenwirkungen ihre Nutzung mit sich bringt, entspricht dagegen wohl nicht immer der initialen Idee.

Precht argumentiert, dass auch wenn wir uns durch unseren Verstand von Tier und Umwelt unterscheiden, es nicht das logische Denken ist, das unsere Menschlichkeit ausmacht. Anders als Programme denken wir nicht regelbasiert und können inkonsequent handeln. Diese Eigenschaft kommt uns in vielerlei Hinsicht zu Gute – immerhin erlaubt sie uns Mitgefühl zu entwicklen und unserer Intuition zu folgen. Gleichzeitig sorgt sie aber auch dafür, dass wir anstatt abzuwarten und unseren Umgang mit einer neuen Technologie erstmal logisch zu betrachten, sprunghaft und nicht selten egoistisch handeln anstatt das berühmte Große Ganze mitzudenken.

„Erst warg’s, dann wag’s!“

Für Precht liegt die grundlegende Problematik der technischen Entwicklung in der kapitalistischen Ideologie des unbedingten Wachstums, die uns als Menschen davon abhält, die Frage nach dem Sinn vor die nach dem Gewinn zu setzen. Bewusst unterscheidet er zwischen technischer Entwicklung und technischem Fortschritt, denn nicht jede technische Errungenschaft ist eine Innovation und trägt dazu bei, das Leben des Menschen zu bereichern.

An dieser Stelle möchte ich zurückkommen auf Sinn und Besonnenheit. Denn ginge es nicht um Macht und Gewinn wäre es doch zweifellos die Frage nach dem Warum, die jeder technischen Entwicklung und jeder menschlichen Handlung voraus ginge. Und diese Frage stellt sich selbstverständlich nicht nur im Kontext unternehmerischer Tätigkeit mit Blick auf Wirtschaft und Gesellschaft. Am Ende geht sie auf jeden Einzelnen zurück, der durch seine Werte und Entscheidungen die Welt ein kleines Stückchen mit prägt.

Ich werde gespannt beobachten, wie sich die Blockchain-Technologie weiter entwickelt und bin mir sicher, dass sie unser Leben in vielen Aspekten verändern und bereichern wird. Dennoch schaue ich mit Skepsis auf die aktuellen Entwicklungen und hoffe, dass sowohl der monetäre Schaden von Einzelnen als auch der ökologische Schaden für den Planeten möglichst gering bleibt, bis wir die Technologie vollständig in unseren Alltag integriert haben.

Buch:

Precht, Richard David – Künstliche Intelligenz und der Sinn des Lebens.

Weitere Quellen:

(1) Vgl. NFTs’ Carbon Footprint Impacts The Environment — And The Art World Too.

(2) Vgl. The Unreasonable Ecological Cost of #CryptoArt.

(3) Vgl. ebd.

(4) Vgl. The climate controversy swirling around NFTs.

(5) Vgl. ebd.

(6) Vgl. Blockchain macht Daten praktisch unveränderbar.

Larissa Lenze

micropolis magazine ist Sprachrohr und Impulsgeber für Gründer:innen, Kreativ- und Kulturschaffende. Interdisziplinär aufgestellt geht es um Gesellschaft, Technologie, Kultur, Kreativität, Körper und Geist - immer mit dem Ziel, Menschen und Ideen zusammenzubringen.

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