VORSPRECHEN – DRUM PRÜFE, WER SICH EWIG BINDET

Freitag Morgen, 7:30 Uhr.

Wach seit einer Stunde. Geduscht. Tagesmakeup. Kein Frühstück.

Auf dem Weg zum Standesamt. Nicht um zu Heiraten, sondern um „Vorzusprechen“. Das macht man wohl so.

Die Location ist mir zufällig bei der Recherche ins Auge gefallen. Ein altes Herrenhaus. Jetzt Textilmuseum. Ein schöner Saal. Perfekt. Die Hochzeit wird klein, da soll zumindest der Ort der Trauung besonders sein.

Am Standesamt angekommen warten bereits drei Paare vor den tristen Büros. Das war zu erwarten. Auf der Webseite wurde dazu geraten, frühzeitig zu erscheinen. Wir kommen eine Stunde vor der angegebenen Öffnungszeit an. Ich bin zuversichtlich.

An den Paaren vorbei in Richtung der noch freien Stühle. Auf einem Tisch steht eine Tupperdose mit geschmierten Broten und eine dieser typischen Trinkflaschen, die man sich mittlerweile kauft, um Plastik zu vermeiden. Ich muss schmunzeln. Diese Deutschen.

Reger Austausch zwischen den bereits anwesenden Paaren. Wo wohnen? Was bedenken? Der Fahrtweg zur Arbeit. Dieser Verkehr! Aber man macht es ja gerne. Ich nehme mein Buch aus der Tasche und schalte ab.

Ein Paar verlässt eines der vor uns liegenden Büros. Gefolgt von einer Beamtin, gut erkennbar an Lesebrille auf und DIN A4 Blatt dicht vor der Nase. Müller und Meier bitte. Wer sonst?!

Die Aufgerufenen erheben sich. Ich verstecke mich hinter meinem Buch. Nicht, dass wir jetzt als Gesprächspartner für Tupper 1 und Tupper 2 herhalten müssen. Mein Partner hat aufgepasst und spricht die beiden an. Muss man sich irgendwo vorher anmelden? fragt er die übermotivierten Hochzeitswilligen. Ein wissendes Grinsen im Gesicht fragen sie, ob wir für einen Termin im Herrenhaus vorsprechen. VORSPRECHEN, ich muss meinen Brechreiz zügeln.

Sie erklären uns, dass die ersten Paare wohl schon seit DREI UHR NACHTS vor dem Standesamt standen, um die Termine im Herrenhaus zu erhalten. Sie selbst waren ab sechs vor Ort und haben gerade noch den letzten bekommen.

Ich klappe mein Buch zu und muss laut lachen. Das Tupper-Pärchen schaut verwirrt. Stimmt dann unsicher ein. Jaaaaa, verrückt oder?! Wie abgesprochen beißen beide in ihr Käsebrot. Ich werde ein bisschen neidisch und ziehe ernsthaft Käsebrot-Catering für Hochzeiten meine Hochzeit in Erwägung.

Kurzer Blickwechsel mit meinem Zukünftigen, dann in schnellem Schritt gemeinsam Richtung Ausgang.

Das hatte ich mir einfacher vorgestellt.

Zu Hause gibt es Käsebrot zum Frühstück.

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