Orte mit Persönlichkeit

Prosa - Die Buchhandlung in Lübeck

Welche*r Buchliebhaber*in träumt nicht davon: eine eigene kleine Buchhandlung mit ausgewählten Titeln und viel Zeit, mit anderen Menschen über Bücher zu sprechen? Zahlreiche Romane wurden über diesen Traum geschrieben – Katrin Bietz hat ihn sich erfüllt.

Bei einem Spaziergang durch die Gassen Lübecks entdecke ich 2019 eine kleine Buchhandlung in der Dr.-Julius-Leber-Straße. Unscheinbar, nicht mehr als ein mittelgroßer Raum mit einer überschaubaren Anzahl handverlesener Bücher, frontal präsentiert an zwei Wänden und zwei Tischen: Prosa. Gerade die überschaubare Auswahl und die besondere Präsentation der Bücher fällt mir ins Auge. Buchrücken an Buchrücken aufgereiht, verliere ich beim Betreten der meisten Buchhandlungen erstmal die Orientierung. Bei Prosa werde ich begrüßt von Covern, Titeln und Autor*innen, die mich einladen, näher zu treten und mehr zu erfahren.

Als Prosa vor Kurzem zum zweiten Mal in drei Jahren den Buchhandlungspreis gewinnt, komme ich mit Besitzerin und Buchhändlerin Katrin Bietz ins Gespräch. Sie verrät mir, wie ihr Laden entstanden ist, was an Prosa besonders ist und was eine gute Buchhandlung ihrer Meinung nach ausmacht.

Prosa Lübeck - Katrin Bietz
Buchhändlerin Katrin Bietz.

Katrin ist Germanistin und Buchhändlerin und eröffnet Prosa gemeinsam mit ihrer Lebensgefährtin Alexandra Stauvermann. Als Architektin hat Alex den Laden ganz nach dem Geschmack und den Ideen der beiden Frauen gestalten können. Prosa grenzt an ihr Büro, sodass sie in ihren Pausen selbst mit hinter der Theke stehen und Katrin als Buchhändlerin vertreten kann.

Was mich an Prosa besonders beeindruckt hat? Es ist ein Ort mit Persönlichkeit – ein „gnadenlos subjektiver Buchladen“ wie Katrin selbst sagt. Nach dem Motto ‚Keine Kompromisse!‘ möchten Alex und sie mit ihrem Laden etwas Sinnhaftes tun, deshalb ziehen sich die Themen Nachhaltigkeit und Kund*innen-Fokus durch ihr gesamtes Konzept: beginnend bei den handgefertigten, speziell auf den Laden angepassten Holzregalen, über die ausschließlich frontale Präsentation der Bücher, bis zum erklärt subjektiv zusammengestellten Sortiment, in dem durchaus auch Nischenthemen und Nachwuchsautor*innen zu finden sind. Jeder Winkel der Buchhandlung sagt: hier geht es um Menschen, um den Austausch von Geschichten, nicht nur um Waren und Geld(werte). Ein tolles Beispiel für ganzheitliches Unternehmer*innentum.

Liebe Katrin, wie schön, dass Du Dir die Zeit nimmst, um mit mir ein wenig über Bücher und über das Konzept Deines Ladens zu plaudern. Lass uns vielleicht mit Deiner Berufung beginnen. Welche Eigenschaften sollte ein*e gute*r Buchhändler*in Deiner Meinung nach haben?

Als 1984 meine Lehre als Buchhändlerin begann, arbeiteten wir noch mit Katalogen und Vollverzeichnissen, in denen alle Bücher gelistet waren – damals knapp 20.000 Titel beim Großhandel und der große Rest im Verzeichnis lieferbarer Bücher (kurz VLB). Um da durchzukommen, musste ich genau wissen, wie ich richtig suche. Zu dieser Zeit war das noch Herrschaftswissen, denn Kund*innen hatten nicht die Möglichkeit selbst über das Internet zu suchen. Die ‚echte buchhändlerische Suche‘ macht in meinen Augen wirklich einen Unterschied in den Ergebnissen. Natürlich hat man auch heute noch Stichwörter-, Schlagwörter- oder Titelsuchen. Viele Menschen kommen beispielsweise mit falschen Titeln oder Autor*innen-Namen zu mir und als Buchhändlerin muss ich antizipieren, was sie meinen. Ich glaube diese Technik heute noch zu beherrschen ist ein riesiger Vorteil, denn egal mit welchen Informationen jemand zu mir kommt – ich weiß genau, wie ich das richtige Buch für ihn finde.

Das A und O ist aber natürlich der Umgang mit Menschen. Als Buchhändler*in muss man Lust haben, sich mit unterschiedlichen Charakteren zu beschäftigen. Vor allen in kleinen Buchhandlungen wie meiner kommen die meisten Kund*innen, weil sie meine persönliche Meinung über ein Buch hören oder mit mir ein paar Worte wechseln möchten. Man ist da einfach das Gesicht des Ladens.  

Wie bist Du denn überhaupt zu Deiner eigenen Buchhandlung gekommen?

Bevor ich mich dazu entschloss, meinen eigenen Laden zu eröffnen, habe ich im Einkauf und als Leitung verschiedener Buchhandlungen gearbeitet und auch einige Jahre abseits der Buchbranche Erfahrungen gesammelt. Meine letzte Stelle war einfach frustrierend und dann sagte eine Freundin am 1. Januar 2017: „Mach doch eine Buchhandlung auf.“ Es war immer ein Traum von mir, irgendwann selbstständig zu sein, ich wusste nur nicht, womit. Mit dem Laden haben wir uns dann einfach gesagt, ‚entweder es klappt oder es klappt nicht‘.

Uns war direkt klar, dass wir die Bücher frontal ausstellen und sehr reduziert arbeiten möchten. Alex ist Architektin und unser heutiges Ladenlokal war damals der Besprechungsraum ihres Büros. Den haben wir dann umgebaut. Am Anfang hatten wir noch verschiedene Kategorien und haben uns viele Gedanken über die Auswahl und Sortierung der Bücher gemacht – im Alltag ist das in unserer heutigen Besetzung mit mir als Vollzeitkraft und maximal zwei Aushilfen leider nicht mehr möglich.

Wir haben uns von Anfang an bewusst dagegen entschieden, Dinge ins Sortiment zu nehmen, die sozusagen ‚dem reinen Konsum‘ dienen. Geschenkartikel haben beispielsweise eine viel größere Gewinnspanne als Bücher und natürlich möchten und müssen wir Geld verdienen – aber nicht mit attraktiven Angeboten und konsum-fördernden Maßnahmen, sondern mit ausgewählten Büchern und Gegenständen, die in unseren Augen einen wirklichen Wert haben.

Zum Gesamtkonzept des Ladens gehört auch, dass wir nur natürliche Materialien verbaut haben. Unser Leitsatz ist bis heute „Keine Kompromisse!“. Das wissen auch unsere Kund*innen: Prosa ist ein vollkommen subjektiver Laden – und entweder das findet Liebhaber*innen oder eben nicht.

Dieses Konzept spiegelt sich auch in Deinen verkaufsfördernden Maßnahmen. Du arbeitest nicht mit Angeboten oder Anzeigen, sondern setzt auf Veranstaltungen und Inhalte, richtig?

Genau, auf unserer Website veröffentliche ich regelmäßig Buchbesprechungen, die ich in gekürzter Form auch ab und zu auf Instagram teile.

Außerdem veranstalten wir regelmäßig ein ‚Abendbrot’ bei uns in der Buchhandlung. Dann servieren wir vegetarische Stullen und einen Bio-Weißwein und ich stelle in gemütlicher Runde 3 – 4 aktuelle Bücher vor. Im Anschluss können sich unsere Gäste austauschen, sich in Ruhe im Laden umschauen und natürlich Bücher kaufen. Die Veranstaltung war vom ersten Tag an ausverkauft und findet aktuell sogar mehrmals im Monat mit knapp 16-18 Leuten statt.

Wie schön, dass Eure Idee so gut angenommen wird – Kund*innen-Bindung ist für Dich sicher eine der wichtigsten Maßnahmen, um Dich gegen die großen Filialen und den Onlinehandel zu behaupten oder?

In meinen Augen sind die großen Filialen gar nicht unsere Konkurrenz. Ich habe ein ganz anderes Publikum als Thalia oder Hugendubel, der hier direkt um die Ecke ist. Die meisten Buchhandlungen in Lübeck unterscheiden sich in ihrem Programm und ergänzen sich daher sehr gut. Eine hat beispielsweise eine große Kinderbuchabteilung, eine andere fokussiert sich auf die Themen Kunst und Kultur. Da kommt man sich nicht in die Quere.

Außerdem sind die Kund*innen uns wirklich sehr treu und empfehlen uns häufig weiter. Ich habe das Gefühl, wenn man als Buchhändler*in eine freundliche und einladende Atmosphäre schafft, kommen sie immer gerne zurück.

Wusstest Du denn schon immer, dass Du Buchhändlerin werden möchtest?

Ich wusste es auf jeden Fall ziemlich früh. Nach der zwölften Klasse habe ich ein Praktikum in einer Buchhandlung gemacht, in der ich anschließend dann meine Lehre begann. Damals war es gar nicht so einfach eine Lehrstelle zu finden, deshalb hat es sich ausgezahlt, früh mit der Suche zu starten.

Ich habe schon immer wahnsinnig viel gelesen und Buchhändlerin war da einfach der passende Beruf. Die Kombination aus Wissen, viel Lesen, kaufmännischen Themen und dem Umgang mit Menschen war immer genau das richtige für mich – deshalb bin ich bis heute glücklich mit meiner Wahl.

Du hast durch die Größe Deines Ladens und die besondere Art, die Bücher zu stellen nur begrenzt viel Platz. Wie triffst Du angesichts dieser Reduzierung Deine Buchauswahl bei dem riesigen Angebot, was es heute am Markt gibt?

Am Ende mache ich das ehrlich gesagt nach Gefühl. Aber natürlich lese ich die einschlägigen Magazine, folge bei Instagram interessanten Accounts und gucke mir Vorschauen an. Ich lese 10 – 12 Titel im Monat, die ich anbiete, wenn sie mir gefallen und zwei mal im Jahr kommen Vertreter*innen unabhängiger Verlage bei mir vorbei, auf deren Empfehlungen ich mich blind verlassen kann, weil sie ein wirklich ausgezeichnetes Angebot haben. Leider verkauft man die kleinen Verlage nicht so gut, wie es eigentlich sein sollte, aber es gibt so viele spannende Titel, die ich meinen Kund*innen einfach nicht vorenthalten möchte.

Wenn man viel auf Instagram oder TikTok unterwegs ist, begegnen einem viele Trends und Hypes – auch im Bereich Bücher. Wie gehst Du damit um? Gehst Du sie bei Deiner Auswahl mit?

Das kommt darauf an. Manche der Bücher habe ich vielleicht selbst gelesen und gemocht – dann kaufe ich sie natürlich auch für Prosa ein. Bei manchen weiß ich, dass sie einfach nicht zu uns passen und dann lasse ich den Trend einfach Trend sein.

Haben die gestiegenen Buchpreise eine Wirkung auf Dein Bestellverhalten als Buchhändler*in?

Nein, da achte ich nicht drauf. Auch bei der Auswahl meiner Titel gilt für mich der Grundsatz: keine Kompromisse. Ich möchte keine Bücher verkaufen, die ich selbst nicht empfehlen kann.

Aber die aktuelle Situation ist sicherlich kritisch. 2022 war wirtschaftlich nicht besonders gut – Krieg, Energiekrise, Inflation – da bleibt nicht immer Geld für Bücher. Wir hatten das Glück, eine Prämie von Neustart Kultur zu bekommen, die hat uns sehr geholfen.

Solange ich einigermaßen über die Runden komme, mache ich weiter.

Ich hätte gedacht, dass eher die letzten Jahre durch Corona nicht gut waren.

Im Gegenteil – 2020 und 2021 waren sehr gute Jahre. Die Menschen waren in der Corona-Zeit viel zu Hause und haben gelesen – sie konnten ja nicht immer nur Netflix gucken. Wir haben 2020 einen Umsatzsprung von 25% gegenüber 2019 gemacht und auch 2019 war schon gut, weil wir damals den Buchhandlungspreis erhalten haben. Das hat uns viel Aufmerksamkeit und einige neue Kund*innen geschenkt. 2022 mit dem Krieg und der Energiekrise ist der Umsatz dann schnell wieder runtergegangen. Doch auch in diesem Jahr haben wir den Buchhandlungspreis erhalten und sind sehr stolz.

Ich würde unser Gespräch gerne mit ein paar Bücher-Fragen abschließen. Welche Bücher haben Dich in Deinem Leben besonders berührt?

‚Hundert Jahre Einsamkeit‘ von Gabriel García Márquez

‚Sonja. Eine Melancholie für Fortgeschrittene‘ von Luise F. Pusch

‚Was ich liebte‘ von Siri Hustvedt

‚Die Erbschaft‘ von Connie Palmen

Welches Buch sollte Deiner Ansicht nach jeder gelesen haben?

‚Es ist ein Mädchen‘ von Camille Laurens. Es geht darum, dass die Protagonistin geboren wird und – wie der Titel sagt – ein Mädchen ist. Sie ist das zweitgeborene Mädchen der Familie und die Eltern wollten eigentlich einen Jungen. Von diesem Satz ‚Es ist ein Mädchen‘ und den damit entstehenden Assoziationen erzählt das Buch. Als Leser*in erfahren wir, wie sich das Kind sein Leben lang an dieser Grundsatzdiskriminierung abarbeitet und es erst durch die eigene Tochter schafft, aus ihr auszubrechen. Der Roman macht in meinen Augen auf subtile und literarisch sehr ansprechende Weise deutlich, womit wir Frauen leben.

Welches Buch aus dem Jahr 2022 ist Dir besonders in Erinnerung geblieben?

Da muss ich zwei nennen: ‚Der Papierpalast‘ von Miranda Cowley Heller – ein wunderbares Sommerbuch, das ich sehr gerne gelesen habe – und ‚Lügen über meine Mutter‘ von Daniela Dröscher, das mir ebenfalls wirklich gut gefallen hat.

Vielen Dank für dieses wunderbare Interview.

Wer mehr von Katrin lesen möchte, sollte unbedingt auf der Website von Prosa vorbeischauen – dort schreibt sie regelmäßig über Bücher und veröffentlicht die Termine zu aktuellen Veranstaltungen.

Larissa Lenze

micropolis magazine ist Sprachrohr und Impulsgeber für Gründer:innen, Kreativ- und Kulturschaffende. Interdisziplinär aufgestellt geht es um Gesellschaft, Technologie, Kultur, Kreativität, Körper und Geist - immer mit dem Ziel, Menschen und Ideen zusammenzubringen.

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