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Noch einmal mit Gefühl

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Auf der Zugfahrt durch die Alpen öffnete ich die erste Seite von HERR DER DIEBE. Wir fuhren in Richtung Venedig. Zwei Jahre zuvor war ich zum ersten Mal in der Lagune. Ich würde lügen, wenn ich sagte die Stadt hätte mir nicht gefallen. Doch noch immer machte ich den übermäßigen Tourismus dafür verantwortlich, dass sie keine Regung, kein Gefühl bei mir hinterlassen hatte. 

Unzufrieden mit der ersten Begegnung, beschloss ich, diese Reise vorbereitet anzutreten. Mein Plan war, eine Geschichte zu lesen, die mich weit von den Menschenmengen wegtragen und mir einen anderen Blick auf die sagenumwobene Stadt ermöglichen würde. 

Nun hatte ich das Glück, dass bereis der Anlass meiner Reise wohl kaum gefühlvoller hätten sein können. Als Trauzeugin begleitete ich zwei meiner besten Freunde. Doch ich wusste, dass abseits des Hochzeitsgeschehens die selbe Stadt auf mich warten würde. Die selbe Leere. 

Einquartiert im Stadthaus einer echten Venezianern saß ich morgen für morgen auf der Dachterrasse über unseren Zimmern. Neben mir eine frische Tasse Espresso, wechselte mein Blick zwischen dem Buch in meinen Händen und den Dächern der Stadt, über die ich den Herrn der Diebe hinter meinen Seiten springen sah.

Einmal in die Geschichte eingetaucht, entspannte sich mein Blick auf die Menschenmassen um mich herum. Plötzlich rückten sie vom Fokus an den Rand des Geschehens. Waren nur noch ein bewegtes Gewirr aus Stimmen und Beinen zwischen denen ich immer häufiger nach Prosper und Bo Ausschau hielt. Ganz langsam legte sich mein Ärger über die überfüllten Gassen. Und je mehr ich lernte, meinen Blick von den Menschen auf die Besonderheiten der Stadt zu richten, desto besser verstand ich, dass die Löwen noch immer in der Überzahl waren. 

Am letzten Tag, setzten wir mit dem Vaporetto zum Flughafen Marco Polo über. Mein Buch lag vor mir und ich freute mich, auf der Rückreise die finalen Seiten der Geschichte lesen können. Ich blickte aus dem Fenster und schloss die Augen, um ein letztes Mal die Geräusche der Lagune in mir aufzunehmen. Und plötzlich sah ich mich im Boot neben Scipio und Prosper. Wir nahmen Kurs auf die Isola Segreta und kurz bevor wir anlegten wurde mir bewusst, dass ich endlich kein Karussells mehr brauche, um die Welt mit Kinderaugen zu sehen. 

Lara

Als Pendlerin zwischen Gestern und Heute teile ich seit 2019 meinen inneren Monolog auf dieser Website. Micropolis ist für mich Collage und leeres Blatt. Eskapismus und Tor zur Welt. Viel Spaß beim Lesen!

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