Gemeinsam das Museum der Zukunft gestalten

nextmuseum.io

nextmuseum.io ist eine digitale Community-Plattform, die Schwarmkuration und Co-Kreation von kollaborativen Ausstellungsprojekten ermöglicht. Entwickelt vom Museum Ulm und dem NRW-Forum Düsseldorf und unterstützt durch das MIREVI Lab der Hochschule Düsseldorf ist es ein lebender Prototyp, der exploriert, wie das Museum der Zukunft aussehen kann.

Wie schaffen wir mehr Demokratie im Kunstbetrieb?, das war eine der zentralen Fragen, die am Anfang von nextmuseum.io standen. Das Konzept wurde erarbeitet von Alain Bieber, dem künstlerischen Leiter des NRW-Forums Düsseldorf, und Stefanie Dathe, der Direktorin des Museums Ulm. Gestartet im Juli 2020, ist die Plattform eine Einladung an (Kultur-)Institutionen, Kurator*innen, Künstler*innen, Kunstinteressierte und Technikbegeisterte, kulturelle Räume gemeinsam zu gestalten. Das erklärte Ziel der Initiator*innen: Museen müssen relevant bleiben. nextmuseum.io soll deshalb Austausch, Wissenstransfer und Vernetzung zwischen den Institutionen intensivieren und über die Öffnung des Museumsgeschehens den Weg zu mehr Demokratie im Kunstbetrieb bereiten.

Alina Fuchte betreut nextmuseum.io von Beginn an als Projektleiterin. Im Interview spricht sie über bisherige Erfolge und Herausforderungen mit der Plattform, über den Fortschritt der Digitalisierung im Museumsbetrieb sowie die Auseinandersetzung der Kunst mit Gegenwartstechnologien wie künstlicher Intelligenz und Blockchain.

Alina Fuchte, Projektleitung nextmuseum.io
NRW-Forum Düsseldorf

Liebe Alina, erstmal vielen Dank, dass Du Dir die Zeit nimmst, Dich mit mir zu treffen. Als Mitarbeiterin des NRW-Forums erlebst Du das Museumsgeschehen nicht nur digital über Eure Plattform nextmuseum.io, sondern auch jeden Tag live vor Ort. Welchen Problemen und Herausforderungen müssen sich insbesondere Kunstmuseen heute in Deinen Augen stellen?

In erster Linie sind es natürlich die aktuellen Krisen wie die Pandemie und die Energiekrise, die auch die Museen treffen.

Ich erinnere mich noch gut, wie 2020 der Begriff ‚Systemrelevanz‘ durch die Medien ging. Kulturinstitutionen gelten bis heute nicht als systemrelevant und sind in großen Krisen daher mit die Ersten, die schließen müssen oder weniger Gelder erhalten.

Für nextmuseum.io war trotzdem gerade die Corona-Zeit eine Chance. Wir sind 2020 gestartet – also mitten in der Krise. Damals waren alle online und sowohl die Nutzer*innen als auch die Institutionen hatten Mut und Lust zu experimentieren. Heute stellen wir uns die Frage, wie wir nun an diese ersten Erfolge anknüpfen. Niemand hat nach der Pandemiezeit wirklich noch Lust, sich für Events vor den Rechner zu setzen. Deshalb überlegen wir, in welchen Formaten wir das Potenzial des Virtuellen bestmöglich nutzen können und was zukünftig (wieder) vor Ort stattfinden wird.

Eine weitere Herausforderung ist das Thema Kooperation. Bisher haben die meisten Häuser eher ‚ihr eigenes Süppchen gekocht‘ und hatten Scheu, mit Ideen auf andere zuzugehen. 2022 haben wir auf diversen Tagungen erlebt, dass sich etwas verändert. Plötzlich verspürten viele den Drang sich zu verknüpfen. Das ist toll! Gemeinsam ist es viel einfacher, den digitalen Wandel an den Kulturinstitutionen voranzubringen. Das wichtigste Stichwort ist für mich an dieser Stelle: Open Source. Anwendungen zu entwickeln ist mit Zeit und Kosten verbunden. Deshalb sollten sie nicht nur für das eigene Haus, sondern auch für andere nutz- und adaptierbar sein. Ab und an passiert das heute schon – beispielsweise durch Projekte wie museum4punkt0, die sich dem Thema Vernetzung und Sharing zwischen Kulturinstitutionen widmen.

Würdest Du also sagen, es gibt seit der Pandemie auch langfristig eine neue Bereitschaft der Museen im Bereich Digitalisierung zu experimentieren? Vielleicht sogar eine neue Offenheit für Imperfektion gerade im Bereich Social Media?

Auf jeden Fall und ich hoffe sehr, dass wir diesen Kurs beibehalten. Ich kann an dieser Stelle natürlich nicht für alle sprechen, aber genau in den Bereichen Experiment und Prozess sehen wir die Stärken von nextmuseum.io. Bei uns geht es um Co-Kreation und Schwarmkuration – das sind keine typischen Themen im Museumsbereich – hätten wir hier bereits Antworten und Lösungen, bräuchten wir nichts ausprobieren.

Wir sind mit der Plattform ziemlich schnell an den Start gegangen – quasi als lebender Prototyp – und haben viel Mut zum Experiment bewiesen. Aber nur so konnten wir testen, wie die Zusammenarbeit zwischen Institutionen, Künstler*innen und dem sogenannten Schwarm funktioniert: live. Deshalb befindet sich nextmuseum.io auch heute noch in stetem Wandel. Und das ist genau richtig.

nextmuseum.io

Wie ist die Idee zu nextmuesun.io überhaupt entstanden?

Ich habe 2018 – 2020 mein Volontariat am Kunstpalast im Bereich der Kulturellen Bildung gemacht und dort unter anderem die Kinderwebsite mit aufgebaut – ebenfalls ein Projekt im Bereich digitale Partizipation, das wirklich viel Spaß gemacht hat. Parallel hat im NRW-Forum Alain Bieber, der künstlerische Leiter des Hauses, gemeinsam mit Stefanie Dathe vom Museum Ulm an der Idee zu nextmuseum.io gearbeitet.

Das NRW-Forum und das Museum Ulm sind auf den ersten Blick erstmal sehr unterschiedlich, haben aber durch Ihre Leitungen ein ähnliches Mindset. Alain und Stefanie kennen sich seit Jahren. Beide haben das Ziel, ihre Häuser zu öffnen, diverse Zielgruppen zu erreichen und das Digitale immer stärker in den Betrieb einzubeziehen. Aus diesem Austausch ist die Idee zu nextmuseum.io entstanden.

Auch Social Media hat hier eine entscheidende Rolle gespielt. Man ist als Nutzer*in zunehmend gewohnt, interaktiv zu arbeiten und selbst Creator zu sein. Man postet Inhalte, teilt Storys – gerade die Digital Natives, die wir im Museum oft vermissen, sind hier sehr präsent. Die Idee war deshalb, insbesondere für diese Zielgruppe durch Technologie mehr Interaktion zu ermöglichen.

Mit dieser Idee haben wir dann eine Förderung von der Kulturstiftung des Bundes im Rahmen des Fonds Digital erhalten und ich durfte die Projektleitung übernehmen und gemeinsam mit Marina Bauernfeind vom Museum Ulm die Plattform aufbauen.

Gibt es ähnliche Projekte? Vielleicht sogar Vorbilder, an denen sich nextmuseum.io orientiert?

Nicht direkt. Was es viel gibt sind sogenannte Open Calls – das ist ein relativ bewährtes Konzept in der Kunst, das freie Kurator*innen und Kulturinstitutionen verbindet. Neu ist bei uns das Thema Transparenz. Es geht nicht darum, Einreichungen per E-mail zu übermitteln, sodass unsichtbar bleibt, wer sich beworben hat und wer ausgewählt wurde. Wir starten bereits einen Schritt früher – mit dem Konzept und der Idee zu einer Ausstellung – gehen dann über den Open Call, in dem wir erklären was genau gesucht wird und machen laufend alle Einreichungen für alle sichtbar.

Auf diese Weise möchten wir erreichen, dass das Gespräch bereits vor der Ausstellung beginnt. Das Erste, was die Öffentlichkeit sieht, soll nicht eine Pressemitteilung sein. Wir möchten den ganzen Prozess einsichtig machen und Interessierte in die Black Box schauen lassen. Es geht darum zu zeigen, was es bedeutet, eine Ausstellung zu machen.

Neben uns gibt es beispielsweise noch das Collaboratory vom Lenbachhaus in München. Hier handelt es sich ebenfalls um eine Partizipationsplattform, der Schwerpunkt liegt allerdings eher im Bereich Vermittlung.

nextmuseum.io ist als Projekt – bedingt durch die zur Verfügung stehenden Fördergelder – erstmal für vier Jahre angesetzt. Man könnte also sagen, aktuell feiert Ihr Bergfest. Was habt Ihr bisher gelernt und welche Eurer Ideen und Vorstellungen haben sich mit der Zeit vielleicht verändert?

Nach zwei Jahren hatten wir einen Relaunch der Plattform. Zu diesem Zeitpunkt hatten wir knapp 20 Open Calls hinter uns, verschiedene Experimente durchgeführt und konnten sagen, was gut läuft und an welchen Stellen wir noch arbeiten müssen. Um unsere eigenen Learnigs zu ergänzen, haben wir uns mit verschiedenen Expert*innen aus dem Museumsbereich in einem Workshop zusammengefunden und zusätzlich Umfragen bei unseren Nutzer*innen gemacht. Dann ging es an die Arbeit.

Im Zuge des Relaunchs gab es auch eine Änderung in unserem Namen. Heute nennen wir uns ‚Plattform für Schwarmkuration und Co-Kreation‘ – vorher war es ‚Co-Kuration‘ – dieser Begriff ist im Alltag eigentlich den ‚Professionals‘ vorbehalten. Da jedoch nicht all unsere Nutzer*innen eine professionelle Perspektive haben, passt der Begriff ‚Schwarm‘ hier deutlich besser.

Ein weiteres Learning stammt aus dem Feedback einer Workshop-Teilnehmerin. Sie sagte damals Schwarmkuration sei keine Anarchie. Das war ein sehr wertvoller Input. Am Anfang haben wir gedacht, dass jede*r auf der Plattform alles dürfen sollte. Mit der Zeit haben wir jedoch gemerkt, dass es bestimmter Rollen bedarf, die mit bestimmten Verantwortungen zusammengehen – und die will natürlich nicht jede*r haben.

Wie viele aktiv Teilnehmende (Institutionen, Kurator*innen, Künstler*innen, Kunstfans und Technikbegeisterte) hat nextmuseum.io mittlerweile?

Über 500 Mitglieder sind in unserer Telegram Gruppe, aber natürlich ist nicht jede*r aktiv. Hier greift ganz klar die typische Verteilung, die man aus Online-Communities kennt: ca. 90% sind passiv, ca. 9% melden sich ab und zu und etwa 1% ist immer mit dabei. Bisher hatten wir knapp 30 Open Calls von Institutionen und Kurator*innen. Bei manchen gab es über 400 Einreichungen von Künstler*innen, bei anderen mal nur 30 – je nach Thema und Spezialisierung kann die Beteiligung hier sehr unterschiedlich sein.

Momentaufnahme aus der Veranstaltungsreihe ‚It’s tech time!‘ des NRW-Forum Düsseldorf.

Kuratieren wird als Begriff mittlerweile quasi für alles verwendet. Ob Spotify Playlists oder Instagram Feed – alles wird heute ‚kuratiert‘. Was bedeutet der Begriff im Museumskontext, aus dem er ja eigentlich hervorgeht?

Über den Begriff haben wir sehr viel gesprochen. Wie Du sagst, hat er im Museum eine besondere Bedeutung. Ursprünglich kommt er von curare – sich kümmern – im Kunstpalast sieht man diese Beziehung sehr gut. Dort haben wir Sammlungsleitungen in den verschiedenen Abteilungen, die ihren eignen Sammlungsbereich betreuen.

Da das NRW-Forum ein Ausstellungshaus ist, haben wir keine Sammlung, sondern kuratieren zeitgenössische Ausstellungen mit wechselnden Arbeiten. Kuratieren ist hier die Auswahl der Werke, aber auch das Entwickeln der Narration, die Szenographie, das Schreiben der Texte, die Inszenierung, die Vermittlung – da steckt in der Regel ein ganzes Team hinter, nicht nur der oder die Kurator*in. Die Größe eines solchen Teams variiert dabei je nach Haus und Projekt.

Und wie funktioniert dieser Prozess unter Einbezug eines Schwarms?

Auch das ist sehr unterschiedlich. Unsere Plattform ist ein bisschen gedacht wie ein Baukasten, in dem jede*r die Werkzeuge findet, die er oder sie nutzen möchte. Es beginnt immer mit einem Open Call. Man kann hier ein fertiges Ausstellungskonzept haben und etwas ganz Bestimmtes suchen oder das Projekt offen halten und gemeinsam mit der Community entwickeln. Steht das Projekt fest, sucht man Künstler*innen, die ihre Werke einreichen.

Bei manchen Projekten kann man als Nutzer*in über die Auswahl der Kunstwerke abstimmen. Das ist erstmal eine sehr simple Vorgehensweise, die einer Ausstellung am Ende gegebenenfalls etwas Tiefe nehmen kann. Auch hier gibt es verschiedene Methoden, bei deren Auswahl es immer das Ziel der Zusammenarbeit mit dem Schwarm mitzudenken gilt. Sind beispielsweise Reichweite und Identifikationspotenzial das Ziel, kann ein Voting genau das Richtige sein. Hier gibt es unterschiedliche Vorstellungen einer ‚erfolgreich kuratierten Ausstellung‘ und die gilt es vorher festzulegen.

Es besteht auch die Möglichkeit, in Gruppen ein Thema zu diskutieren und gemeinsam zu bestimmen, in welche Richtung eine Ausstellung sich entwickeln soll. Bei der ersten mit dem Schwarm kuratierten Ausstellung des Museum Ulm ging es etwa um das Thema ‚Paradiesgarten‘. Die erste Idee war sehr von Renaissance und Barock geprägt, die Diskussion mit der Community hat sich aber in die Richtung ‚Zerstörung des Paradieses‘ entwickelt, wodurch der Schwerpunkt der Ausstellung sich wandelte.

Wir hatten auch schon Meetups während derer unsere Community Einblicke in die Szenographie einer Ausstellung bekommen hat. Der Kurator hat hier gemeinsam mit ein paar Künstler*innen über den Entstehungsprozess der Ausstellung gesprochen. Eine andere Möglichkeit sind Whiteboard-Sessions, während derer man gemeinsam mit dem Schwarm brainstormed. Alles ist möglich.

Einblick in die schwarmkuratierte Ausstellung ‚Kunstreichgewächse‘ des Museum Ulm.

Wie mutig sind die Institutionen, wenn es darum geht, Macht an den Schwarm abzugeben?

Am Ende liegt die finale Entscheidung meistens weiterhin bei den Häusern. Das ist gut so, denn die Rolle des oder der Kuratierenden soll wie gesagt nicht abgegeben, sondern um den Einfluss des Schwarms erweitert werden. Die Menschen kommen ja in ein bestimmtes Haus, weil sie dessen Sprache mögen – die soll sich nicht durch Schwarmkuration vollkommen verändern.

Aus Expert*innen-Interviews wissen wir, dass es trotzdem immer noch Ängste und Zweifel seitens der Kurator*innen gibt – die würden wir ihnen natürlich gerne nehmen. Aktuell analysieren wir, wann die idealen Zeitpunkte im Ausstellungsprozess sind, um sich Unterstützung durch den Schwarm zu holen. Bisher sind das vor allem Anfang und Ende. Am Anfang ist das Thema oft noch sehr vage – Input und Meinungen stoßen daher auf besonders fruchtbaren Boden. Am Ende kann der Schwarm ein gutes Korrektiv sein, beispielsweise, wenn Texte nicht verstanden werden oder Key Visuals nicht ansprechend genug sind.

Beobachtet Ihr Unterschiede in Ausstellungen, die durch den Schwarm mitgestaltet wurden und solchen, die auf herkömmlichem Wege entstehen?

Aus unserer bisherigen Erfahrung können wir sagen, dass durch Schwarmkuration tatsächlich bessere Ausstellungen entstehen. Besser in dem Sinne, dass sie relevanter für das Publikum sind und auch durchaus diverser sein können. Man hat in einer Kulturinstitution immer eine gewisse Perspektive. Aber wir wollen auch die Menschen erreichen, die sonst nicht ins Museum gehen und ihnen Raum geben – das funktioniert sehr gut mit Hilfe des Schwarms. Bei unserer aktuellen Ausstellung ‚Wonderwalls‘ im NRW-Form sehen wir beispielsweise, dass das Publikum ein ganz anderes ist als sonst.

Ist nextmuseum.io vielleicht auch eine Erleichterung für Kurator*innen und Museen, weil die Welt der Kunstschaffenden gar nicht mehr überschaubar ist und die Impulse des Schwarms daher fast notwendig, um sich einem Thema umfassend und zeitgemäß zu widmen?

In der Art hat das Alain auch  mal gesagt. Der Schwarm ist einfach intelligenter als der oder die Einzelne. Laut Alain sei es eigentlich ein totaler Luxus, dass man durch den Schwarm neue Künstler*innen kennenlernt. Oft waren echte Entdeckungen dabei.

Im NRW-Forum wagt Ihr Euch auch an Themen wie Augmented Reality, Künstliche Intelligenz und Metaverse. Wie werden die vom (Kunst-)Publikum angenommen?

Der Claim von nextmuseum.io ist ‚Gemeinsam das Museum der Zukunft gestalten‘. Unser Portfolio besteht aus Open Calls, Experimenten mit der Hochschule Düsseldorf und Veranstaltungen. Bei unseren Veranstaltungen versuchen wir uns auf das Museum der Zukunft zu fokussieren und über Themen zu sprechen, die gerade aktuell sind. Wir möchten eine Plattform bieten, um über diese Themen zu sprechen, sich zu informieren, Fragen zu stellen und sich dann vielleicht eine Meinung zu bilden.

Ich habe das Gefühl, dass Augmented Reality für viele aktuell noch zugänglicher ist als Virtual Reality – wahrscheinlich, weil man die Realität noch um sich hat und lediglich durch ein ‚Overlay‘ ergänzt. AR ist bereits vielen bekannt – den Hype um Pokèmon Go hat quasi jede*r mitbekommen. Im letzten Jahr haben wir über das NRW-Form dann die weltweit erste AR-Biennale veranstaltet. Die ist super angekommen. Es war wirklich schön, Enkel und Großeltern gemeinsam über ihre Geräte den Hofgarten neu erkunden zu sehen.

Zum Thema ‚Künstliche Intelligenz‘ haben wir am NRW-Forum die Reihe ‚Learning AI‘ veranstaltet. Der Begriff KI ist ebenfalls in aller Munde, aber von vielen wird er noch nicht wirklich verstanden. Unser Ziel ist bei solchen Events das Thema spielerisch und ungezwungen zu vermitteln – Woher kommt der Begriff? Wo stehen wir gerade? – wir möchten unsere Besucher*innen einladen, einen kritischen Blick zu wagen, ihnen aber genauso ein Gefühl für die Perspektiven aufzeigen, die es beinhaltet. 

Im Anschluss sind wir dann in der Reihe ‚Per Anhalter:in durchs Metaversum‘ auf das Metaverse eingegangen. Der Begriff ist eigentlich schon Jahrzehnte alt. Gerade Gamer sind hier echt weit vorne. Fortnite oder auch Second Life sind ja bereits eigene Metaversen. Bei der Veranstaltung waren knapp 400 Leute vor Ort. Wir haben einen Parcours mit verschiedenen Stationen aufgebaut, die sich beispielsweise um Themen wie ‚Liebe im Metaversum‘, ‚Handel mit NFTs und Bitcoin‘ oder ‚Identität und Spiel‘ drehten. Abends gab es verschiedene Formate wie Expert*innen-Statements oder Performances. Die Künstlerin ‚Soff‘ von der Kunstakademie Düsseldorf hat mit dem Publikum beispielsweise eine interaktive Traumreise in ein Meta-Museum gemacht. Auch uns beschäftigt die Frage, wie so ein Museum aussehen könnte, dabei muss es kein digitaler Zwilling des analogen Ortes sein. Warum braucht es beispielsweise Wände, wenn es keine Grenzen gibt? Warum sollte ich mich laufend im Museum bewegen, wenn ich auch fliegen oder schwimmen kann? Mit diesen Fragen haben wir die Anwesenden auf Gedankenreise geschickt – das ist sehr gut aufgenommen worden.

Performance der Künstlerin SOFF im NRW-Forum Düsseldorf.

Wie beeinflusst das Metaversum schon heute den Museumsbetrieb?

Bei den meisten ist es eher noch ein Herantasten. Was es vermehrt gibt, sind digitale Kurator*innen-Stellen, die aber sehr unterschiedlich ausgerichtet sind. Manche bespielen einen digitalen Space, andere übernehmen gleich alle digitalen Bereiche der Häuser. Das variiert noch sehr stark. Wir glauben digitale Kunst braucht digitale Räume – deshalb arbeiten wir an einem Programm für eine Web Residency. Residenz-Künstler*innen sind üblicherweise für ein paar Wochen präsent und arbeiten aktiv mit dem Ort, den sie besuchen. Wir würden gerne eine virtuelle Dependance des NRW-Forums bauen und dann im virtuellen Forum über Open Calls auf nextmuseum.io Residency Künstler*innen einladen, die mit dem Ort experimentieren. Forum bedeutet auch ‚Ort des Austauschs und der Zusammenkunft‘ – das würden wir gerne auch digital spiegeln.

Welchen Einfluss haben Web3 und das Metaversum in Deinen Augen aktuell auf die Kunstwelt?

Es gibt mittlerweile verschiedene virtuelle Museen – wir haben beispielsweise mit Musee Dezentral zusammengearbeitet, einem virtuellen Museum, in dem NFT-Kunst ausgestellt wird. Entwickelt wurde es von Ravespace – die haben während der Pandemie erst einen Online-Technoclub gebaut und dann ein Museum. Das ist gerade ästhetisch sehr interessant, weil es durch den Hintergrund der Entwickler*innen graphisch natürlich super aussieht, aber eine ganz andere Ästhetik aufweist als der klassische White Cube. Manuel Rossner hat mit der neuen Nationalgalerie ebenfalls ein virtuelles Museum gestaltet – die float gallery.. Auch Galerie Johann König hat einen digitalen Space bauen lassen, hier erkennt man St. Agnes stark wieder.

Gerade für Künstler*innen, die aus dem digitalen Bereich kommen und Blockchain Art machen, scheint mir das Thema NFT eine tolle Chance zu sein. Über diese Möglichkeit können sie ihre Werke verkaufen und ihre Arbeit finanzieren – ähnlich wie beispielsweise bei Patreon geht es da in meinen Augen vor allem darum, die Künstler*innen zu unterstützen. Gleichzeitig merke ich immer wieder, dass manche Künstler*innen auch einfach nicht mehr richtig mitkommen. Es muss aber meiner Meinung nach auch nicht jede*r die Welle mitreiten.

Wie nimmst Du die aktuellen Entwicklungen im Kontext von KI-basierten Bildgeneratoren wie Midjourney, Stable Diffusion und DALL-E 2 wahr, mit deren Hilfe im September beispielsweise ein Spieleentwickler einen Kunstpreis gewonnen hat?

Sehr kontrovers. Wir haben ein Format, das heißt ‚Its tech time‘ – eine Art Late Night Show mit Host, Moderator*in, Sidekick und Musik. Eine Ausgabe war zum Thema ‚KI und Kunst‘. Da hatten wir das Künstlerkollektiv ‚Obvious‘ aus Paris eingeladen – drei Jungs, die mit Algorithmen Kunst machen. Von ihnen stammt das erste von Christies versteigerte Kunstwerk, das mit KI entstanden ist. Außerdem hatten wir Nora Al-badri vor Ort, die über KI enteignetes Kulturgut zugänglich macht. Wie man sieht, gibt es hier ganz verschiedene Ansätze, mit dem Thema umzugehen.

Wenn es wirklich um Wettbewerbssituationen geht, ist es natürlich schwierig. Handwerkliche Kunst mit KI gleichzustellen, scheint mir an dieser Stelle eher unfair – es als eigenes Genre zu betrachten, wäre dagegen interessant. Künstler*innen haben immer mit Werkzeugen gearbeitet. Wenn man KI als Werkzeug betrachtet und offenlegt, dass ein Werk mit KI generiert wurde, kann etwas Neues entstehen – das ist künstlerisch in meinen Augen spannend.

Auch in der Kuration kann KI unterstützend wirken. Das Museum of Digital Art in Zürich hat beispielsweise einen Crawler Bot genutzt, der das Internet anhand bestimmter Parameter durchsucht hat. Der Bot hat eine Liste an Namen ausgegeben, die in die Kuration einer Ausstellung mit einbezogen wurden – so hat er sie in gewisser Weise mit kuratiert.

Wie siehst Du die Rolle des Museums in der Zukunft?

Da muss ich an die Definition von ICOM denken – des International Council of Museums. Die haben ewig an einer Definition vom Museum gearbeitet und schließlich ein wirklich gutes Ergebnis erzielt. Laut ihrem Verständnis gehören Community, Partizipation und Digitalität zu den zentralen Aufgaben des Museums. Es geht darum, einen dritten Ort zu gestalten, Menschen zu empowern und über die Möglichkeiten des Digitalen nicht nur das Bestehende zu erweitern, sondern auch etwas Neues zu erfinden. Selbstverständlich soll das Museum der Zukunft auch sozial, nachhaltig, divers und inklusiv sein. Das sind alles Faktoren, die ich mir ebenfalls wünschen würde.

Welche Potenziale seht ihr in nextmuseum.io? Wohin möchtet Ihr Euch entwickeln?

Aktuell verfolgen wir die Idee, nextmuseum.io zu einer Dezentralen Autonomen Organisation (DAO) weiterzuentwickeln und auf diese Weise zu verstetigen. Hier ist es wichtig, so viele Menschen und Institutionen wie möglich zu aktivieren und gemeinschaftlich zu entscheiden, wie es weitergehen wird. Außerdem liegt uns viel daran, dass Schwarmkuration ein fester Bestandteil des Museumsbetriebs wird, damit Menschen sich einbringen und langfristig mehr mit den Museen ihrer Städte identifizieren können. Außerdem sehen wir das riesige Potenzial, Häuser miteinander zu vernetzen, sodass sie gemeinsam die Museumslandschaft weiterentwickeln.

Vielen Dank für dieses spannende Gespräch! Ich freue mich schon darauf zu sehen, wie es mit nextmuseum.io weitergeht.

Wer Lust bekommen hat, tiefer in das Thema Schwarmkuration einzutauchen: Hier geht es zum aktuellen Open Call des Hessischen Landesmuseum Darmstadt zum Thema Street Art, der noch bis zum 19.03.2023 läuft.

Außerdem findet am 17.01.2023 das nächste Community Ping Pong von nextmuseum.io statt. Alle Infos hier.

Larissa Lenze

Lara bewegt sich zwischen Menschen, Marken und Medien. Als Kulturwissenschaftlerin, Strategin und Journalistin liebt sie es, Fragen zu stellen und Gedanken auf den Punkt zu bringen.

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