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Balagan

Balagan Mirna Funk

Im Frühjar 2025 war ich Teil des Workshops „Writing a Book“ von Mirna Funk. Über mehrere Monate trafen wir uns in einer kleinen Gruppe wöchentlich online, sprachen über das Schreiben, unsere Buchideen und begannen mit der Konzeption unserer ersten eigenen Geschichte. Angeleitet und begleitet von Mirna, empfand ich es als besonders spannend, dass sie in der Zeit des Workshops immer wieder über den Prozess hinter der Veröffentlichung von Balagan, ihrem im Februar 2026 erschienenen Roman sprach. Damals war sie gerade in der Lektoratsphase und teilte immer wieder Anekdoten aus ihrer Schreib- und Überarbeitungpraxis mit uns. Heute den fertigen Roman in der Hand zu halten, ihn zu lesen, ist dadurch zu einem ganz besonderen Erlebnis geworden.

Ich verfolge die Autorinnen-Karriere von Mirna bereits ein paar Jahre und habe auch die Vorgänger von Balagan gelesen. Was mich an ihren Geschichten besonders fasziniert, ist ihr Mut, hinter der Fassade ihrer Figuren Debatten und Perspektiven abzubilden, die in dieser Form nur selten Sichtbarkeit in der Öffentlichkeit finden. Eine Eigenart, die sich auch in ihrer öffentlichen Persona widerspiegelt, die sowohl in ihren journalistischen Texten, in hren Sachbüchern als auch auf ihren Social Media Kanälen frei und gleichzeitig reflektiert preiszugeben scheint, was sie denkt und bewegt.

Mirna Funk Veröffentlichungen

In Balagan verhandelt sie nun das Thema NS-Raubkunst. Die jüdische Betreiberin eines Online-Magazins Amira erbt von ihrem Großvater eine verschollen geglaubte Gemäldesammlung, die sie über Nacht zur Multimillionärin macht. Dieses einschneidende Ereignis in ihrem Leben führt nicht nur zur Auseinandersetzung mit der wahren Geschichte des Großvaters, sondern katapultiert sie direkt ins Zentrum der Berliner Kunstszene. Eben jene Kulisse wird in Balagan zum Aushandlungsort der Deutschland bewegenden Antisemitismusdebatte. Eng an der Gegenwart angelehnt, adressiert Funk über den Roman ein Thema, was sicherlich auch ihre privaten und beruflichen Entscheidungen der vergangenen Jahre durchzogen hat: Jüdisches Leben nach dem 7. Oktober 2023.

Als Berlin für Amira zum feindlichen Ort wird, nimmt sie Abstand. Nicht nur von der Stadt, sondern auch von Freunden und Familie. Über den Roman hinweg gehen durch diese Distanzierung immer mehr Figuren verloren, doch die Beziehungen zwischen den Figuren stehen nicht im Mittelpunkt der Geschichte. Vielmehr geht es um das innere Chaos der Protagonistin, die über die Kunstsammlung eine Möglichkeit gefunden zu haben scheint, frei und unabhängig eine neue Version ihrer Selbst zu entdecken.

Ob der Roman nun ein „Stimmungsbild“ der Deutschen Kulturszene nach dem 7. Oktober 2023 sein soll oder eine fiktionalisierte Auseinandersetzung der Autorin mit den darauf folgenden Eieignissen möchte ich an dieser Stelle nicht mutmaßen. Stattdessen würde ich Balagan als wilden Ritt beschreiben, der mich nicht nur von Berlin, über Genf, bis nach Tel Aviv geführt hat, sondern gleichzeitig eine Reise in die Vergangenheit war. Unterhaltsam, kurzweilig, nachdenklich und geschmückt mit zahlreichen Einblicken in jüdisches Leben und Debattieren in und außerhalb von Deutschland.

Larissa Lenze

Larissa bewegt sich zwischen Menschen, Marken und Medien. Als Kulturwissenschaftlerin und Marketingstrategin beobachtet sie Medien- und Zeitgeschehen und spricht mit Menschen, die es mit besonderen Impulsen bereichern.

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