Über einen Besuch der Ausstellung „Digital by Nature“ und die Frage, ob uns die digitale Welt der natürlichen (wieder) näher bringen kann.
Selfie-Spots und heiße Luft
Die Decke eine Wand aus Luftballons, der Boden versteckt unter hunderttausenden kleinen Plastikbällen. Staunend und leicht verwirrt fand ich mich 2024 in diese kuriose Szenerie geworfen. Der Anlass war der Besuch meines Patenkindes – unser Ziel das in Düsseldorf gastierenden Ballonmuseum. Bekannt geworden durch die Netflix-Serie Emily in Paris und angepriesen als wandernde Kunstinstallation mit dem Titel „Emotion Air“ befanden wir uns von jetzt auf gleich in einem riesigen Bälleparadies. Und trotzdem es zweifelsohne für Kinder und Fotografiebegeisterte konzipiert wurde, mussten auf diese aufmerksamkeitsintensive Umgebung erstmal klarkommen.


Die bunt und kontrastreich gestalteten Räume wurden von unterschiedlichen Künstler*innen konzipiert. So gut wie alle luden uns als Besuchende ein, mit den Werken zu interagieren und boten ausnahmslos eindrucksreiche und gut ausgeleuchtete Fotokulissen. Das es sich im wahrsten Sinne um „Kunst zum Anfassen“ handelte, zeigte das Werk „Kaleidoscope“ von Karina Smigla-Bobinski. Ihr Raum, gerahmt von psychedelisch anmutenden Farbprojektionen, bot uns beispielsweise die Möglichkeit, durch das Streichen über die Oberfläche eines Tisches, Einfluss auf die Farbverläufe zu nehmen.

Natürlich war das Museum für die Stadt ein absoluter Publikumserfolg und auch mein Patenkind hatte ohne Zweifel eine gute Zeit. Gleichzeitig verließen wir das Gebäude beide mit einem Gefühl von Erleichterung – nicht nur angesichts der vielen Menschen, die sich mit uns durch die Räume drängten, sondern vor allem mit Blick auf die zahlreichen Eindrücke, die von Raum zu Raum unsere Wahrnehmung (über)fluteten.
Die Faszination des Digitalen
Als es mich im März diesen Jahres beruflich nach München zog, erinnerte ich unerwartet an das bunte Treiben in Düsseldorf. Es war der letzte Tag der Ausstellung „Digital by Nature“ des Künstlers Miguel Chevalier in der Kunsthalle München. Ein bewölkter Sonntag, der sich perfekt für einen Museumsbesuch eignete – das war leider nicht nur mir bewusst. Schon vor der Eingangstür erwartete mich eine Menschenschlange, die von der Einkaufsstraße bis zur Kasse reichte. Ein leiser Vorbote dessen, was mich im Innern erwarten sollte: Mein Besuch war begleitet von einem wildem Gewusel aus Kindern und Erwachsenen, die sich im wahrsten Sinne von einem Raum in den nächsten schoben und – meistens in Anwesenheit einer Smartphonekamera – vor den großflächig angelegten Installationen des Künstlers posierten.


In erster Linie ist dieses rege Interesse an Kultur natürlich wunderbar. Wahrscheinlich hat Chevalier es sich sogar genau so gewünscht. Seine generativen Arbeiten entwickeln sich in Echtzeit und reagieren auf die Anwesenheit des Publikums. Indem er physische und emotionale Erfahrungen bei den Besuchenden anregt, stellt er die Frage, wie Technik unsere menschliche Wahrnehmung prägt und Kunst dabei helfen kann, die Welt neu zu entdecken. Eine Frage, die sich quasi durch das gesamte Werk des Künstlers zieht, der bereits seit den 60er Jahren mit Computerkunst, Algorithmen und der digitalen Welt auseinandersetzt.
Vermitteltes Naturererleben
Es war die Verbindung von Digitalität und Natur, die mich an diesem Tag in die Kunsthalle zog. Schon seit längerer Zeit beschäftigt mich in meiner Forschung die Frage, ob – und wenn ja wie – wir uns als Menschen über digitale Erfahrungen und Räume der Natur (wieder) annähern können. Die generativen und vor allem interaktiv angelegten Systeme von Chevalier schienen hier einen interessanten Erlebnisraum zu öffnen, den ich gerne persönlich erfahren wollte.
Was ich wohl am meisten beobachtete, war der zuerst scheue, dann aber durchaus dringlich scheinende Gestus der Besuchenden, sich vor den Projektion fotografieren zu lassen. Teilweise wirkte es wie ein Bedürfnis, mit dem Digitalen zu verschmelzen. Die Projektionen auf der eigenen Haut zu erfahren. Vielleicht sogar zu spüren. Ich tat es ihnen gleich, doch einmal vor dem Kunstwerk positioniert, war es einzig für mich wahrnehmbare das blendend helle Licht der Beamer in das mein Blick beim Posieren zwangsläufig irgendwann fiel.


Ich fragte mich, ob der Gestus, sich vor eindrucksreichen natürlichen Kulissen zu fotografieren, aus dem gleichen Bedürfnis hervorgeht. Ist also ein Foto vor Chevaliers Projektionen vergleichbar mit dem Selfie vor einem Sonnenuntergang oder vor einer eindrucksstarken Bergkulisse? Ist es einzig ein Zeichen der Repräsentation, des „Es-ist-so-gewesen“, wie es Roland Barthes in seinem Text „Die helle Kammer“ beschreibt?
„Die Photographie ruft nicht die Vergangenheit ins Gedächtnis zurück […]. Die Wirkung, die sie auf mich ausübt, besteht nicht in der Wiederherstellung des (durch Zeit, durch Entfernung) Aufgehobenen, sondern in der Beglaubigung, daß das, was ich sehe, tatsächlich dagewesen ist.“
Oder hat es abseits der Beweisfunktion und der Faszination angesichts des Nicht-Alltäglichen einen Wert, der mir in diesem Moment verborgen blieb?
Was mich darüber hinaus verwunderte: Selbst das Erleben der Kinder im Museumsbesuch geschah vermittelt. Anstatt sich die Exponate genau anzusehen und mit den Projektionen zu spielen, folgten sie in vielen Fällen dem Verhalten der Erwachsenen und bewegten sich fotografierend durch das Kunstmuseum. Doch mein erster Impuls, ihr Verhalten auf reine Imitation zurückzuführen, war an dieser Stelle vielleicht zu naiv. Denn möglicherweise das Sammeln der Bilder für sie die einzig spannende Beschäftigung während des Besuchs? Denn anders als die Exponate des Ballonmuseums in Düsseldorf bestand Chevaliers Ausstellung vorwiegend aus Displays – schließlich ging es um Digitalität. Und selbst jene Werke, die Besucher*innen durch Interaktion in den Kreativprozess einbezogen, waren – anders als bei Karina Smigla-Bobinski – nicht greifbar. Da es also nichts „zum Anfassen“ gab, könnte die Fotografie vielleicht ihre Brücke zum Erleben gewesen sein. Eine These, die sich Chevaliers ursprünglicher Intention der Wahrnehmung von Natur über Technik eher entgegenstellen würde.
Doch selbst wenn Chevaliers Ansatz für mich persönlich keinen „neuen Blick auf die Welt durch Technik“ offenbart und ich auch die physischen und emotionalen Erfahrungen der Besuchenden – neben der „technischen Spielerei“ als eher übersichtlich bezeichnen würde, bleibt meine Frage: Brauchen wir „das Digitale“ – obwohl es das ist, was uns von „der Natur“ entfernt zu haben scheint – möglicherweise als Instrument, um uns ihr wieder anzunähern?
