Als ich das erste Mal von Wirklichkeits- und Möglichkeitssinn lese, befinde ich mich in den Recherchen für meine Dissertation. Es geht um künstlerische Forschung. Genauer gesagt darum, wie sich die Herangehensweise im Erkenntnisprozess von Kunstschaffenden von anderen Forschenden abheben könnte.
Unerwartet begegnete mir das auf Robert Musil zurückgehende Konzept erneut im Februar diesen Jahres. Während eines Aufenthalts in München besuchte ich die Pinakothek der Moderne, in der gerade die Ausstellung „Sweeter than Honey – Ein Panorama der Written Art“ lief. Beim Betreten der Ausstellungsräume war es eine Arbeit von Andreas Gursky, die meine Aufmerksamkeit unmittelbar auf sich zog. Eigentlich bekannt für detailreiche Fotografien von Landschaften, Gebäuden oder Menschenmengen, fotografierte Gursky im Jahr 2000 vier ausgewählte Seiten aus Musils Werk „Der Mann ohne Eigenschaften“ und bereitete sie in gewohnt großflächigem Format auf. Selbst nicht nur passionierte Lesende, sondern den Prozess auch immer wieder fotografisch dokumentierende, faszinierte mich die bekannte Ästhetik des Dargestellten und ich verfiel unmittelbar dem Text.


In einem der vier Auszüge las ich, „[…] daß außer der Welt für alle, jener festen, mit dem Verstand erforschbaren und behandelbaren, noch eine zweite, bewegliche, singuläre, visionäre, irrationale vorhanden ist, die sich mit ihr nur scheinbar deckt, die wir aber nicht, wie viele Leute glauben, bloß im Herzen tragen oder im Kopf, sondern die genau so wirklich draußen steht wie die geltende.“


Künstlerische Forschung bewegt sich für mich genau in dieser Parallelwelt und die riesigen Letter machten mir bewusst, dass selbst talentierte Kunstschaffende wie Musil oder Gursky nicht die Fähigkeit besaßen, ihr Sichtbarkeit zu verschaffen. Stattdessen widmeten sie sich der Aufgabe, durch Medien auf ihre Existenz aufmerksam zu machen – und leisteten damit einen in meinen Augen nicht zu unterschätzenden Beitrag, der anderen Menschen wenngleich nicht den Zugang, so doch das Bewusstsein für ihr Bestehen öffnen könnte. Vielleicht aktivieren ihre Werke bei dem ein oder anderen auf diese Weise Musils berühmten Möglichkeitssinn und inspirieren dazu, selbst künstlerisch forschend tätig zu werden.
Immer wieder faszinierend, was der Blick in ein Buch oder der Besuch einer Ausstellung alles bewirken können…
Zitate:
Robert Musil
„Der Mann ohne Eigenschaften“ (1930)
Bilder:
Andreas Gursky
„Ohne Titel XII, No. 1-4“ (2000)
